Do., 01.12.2016

Auto Raser: Was sie antreibt und warum Strafen oft nichts bewirken

Auto : Raser: Was sie antreibt und warum Strafen oft nichts bewirken

Raser sind ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich nicht nur mit „Machogehabe“ abtun lässt. Foto: fotolia.com © Syda Productions

Illegale Autorennen in der Innenstadt, Vollgas auf der Autobahn, Tachoanschlag auf der Landstraße. „Verrückt“ ist nur ein schwaches Argument für das, was jemanden dazu bringt, Gesetze und Risiken über Bord zu werfen und Gas zu geben.

SPD-Landesjustizminister Thomas Kutschaty denkt in echter Law-and-Order Manier. Geht es nach dem Gesetzesentwurf, den er zusammen mit seinen Kollegen aus Hessen und Bremen in den Bundesrat einbrachte, sollen sich die Strafen fürs Rasen mit Verletzungs- oder Todesfolge gewaltig steigern – beginnend mit einer Mindestfreiheitsstrafe von zehn, statt bisher einem Jahr. Doch was der Minister in seiner Pressemittelung noch als „Testosterongesteuerte PS-Junkies“ bezeichnete, handelt in klassischer Kriminellen-Manier – und denen sind selbst strenge Gesetze meist herzlich egal.

Der folgende Artikel will die Hintergründe beleuchten. Was treibt jemanden dazu, sich auf Teufel-komm-raus Straßenrennen zu liefern – ohne Rücksicht auf seins oder das Leben anderer?

Das ist ein Gefühl von Freiheit

Vor einigen Jahren erregte der Artikel eines Szeneblattes für  Fans von altem Blech die Tunergemeinde. Darin war von einer Truppe zu lesen, die sich nachts auf bundesdeutschen Autobahnen Rennen lieferte. Bis hierhin nichts Ungewöhnliches. Doch es waren nicht „nur“ Rennen. Die Fahrer kauften sich von Privat und unter falschem Namen für wenig Geld leistungsstarke alte Limousinen, lackierten diese anschließend mattschwarz und schossen dann mit Tempi jenseits der 200km/h, ausgeschalteten Scheinwerfern und Nachtsichtgeräten vor den Augen über die Asphaltschlangen – immer von einem Rastplatz zum nächsten.

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Ob Bungee oder Bundesstraße, es geht primär um einen Adrenalinkick – bloß ist ersterer deutlich leichter verfügbar, als eine Bungee-Ausrüstung. Foto: fotolia.com © caroline letrange

Man stelle sich vor, wie man als Otto-Normalfahrer, etwas übermüdet und die Augen rot vom angestrengten Starren in die Dunkelheit, plötzlich von einem schwarzen Schatten links überholt wird. Kopfschütteln wäre noch die geringste Reaktion – aus Schreck verreißen und das Auto gegen die Leitplanke knallen ebenfalls wahrscheinlich.

Hier muss die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, einspringen – noch bevor man sich über die Risiken eines solchen Tuns auch nur einen Gedanken macht:

  • Militärische Jetpiloten
  • Formel-1-Rennfahrer
  • Bobfahrer
  • Base-Jumper
  • Skiläufer
  • S-Bahn-Surfer
  • Bungeespringer

nur um einige zu nennen, haben alle eines gemeinsam, den Rausch nach Tempo in Verbindung mit einer gehörigen Portion Adrenalin. Ganz bewusst wurden in dieser Liste legale mit illegalen Aktivitäten gleichgesetzt – denn dem Hirn ist völlig egal, woher es seinen Kick bekommt.

Wer das versteht, hat auch schon einen Grund verinnerlicht, warum Menschen Gas geben – der schiere Drang nach einem Adrenalinkick. Und ein Auto ist den meisten Menschen nun mal näher als eine Fallschirmausrüstung.

Sei wer Du bist

Ein weiterer, selten medial rezipierter aber nicht minder wichtiger Punkt: Wir leben in einer Gesellschaft des Wandels. Traditionelle Werte zu hinterfragen und am besten gleich über Bord zu werfen, ist heute nicht mehr nur Sache einer progressiven Jugend, sondern gehört fast zum gesellschaftlichen Konsens.

Doch so, wie dieses Aufbrechen alter Rollenbilder viele Menschen freier macht, so produziert es auch einen Haufen Illusionslose:

  • Eine klaffende Schere zwischen Arm und Reich
  • Einst gut bezahlte Berufe, die heute kein würdiges Auskommen mehr ermöglichen
  • Eine egalitäre Höchstleistungsgesellschaft, die wenig echte Regeln kennt
  • Die Möglichkeit, durch Leasing, Kredite und Co. auch ohne finanzielle Mittel extrem hochwertige Fahrzeuge zu besitzen
  • Ein immer mehr nach Sensation und Skandal heischendes Publikum samt vieler Medien, die dies bedienen
  • Die Möglichkeit, via Internet ein Promi zu sein – ohne Talent, ohne Karriereleiter. „ YouTube-Star“ zu werden ist heute ein ebenso oft geäußerter Jugendwunsch wie früher „Astronaut“ oder „Rennfahrer“.

Nun stelle man sich einen jungen Menschen vor. Sein Ausbildungsberuf hat weder Prestige, noch ist er sonderlich gut bezahlt. Will er nach klassischen Rollenbildern leben, wird er nicht nur unter Seinesgleichen als rückständig diffamiert. Im Web sieht er täglich, wie andere mit irgendwelchen Videos ihre fünf Minuten Ruhm bekommen. Und nun flattert ihm ein Angebot einer Autofirma in den Briefkasten. Darin ein Auto mit 180PS – für 100 Euro monatlich.

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Leasing und allgemein gestiegene Leistungsdaten machen es auch jungen Menschen möglich, sehr stark motorisierte Fahrzeuge zu erwerben – mit entsprechenden Folgen. Foto: fotolia.com © von Lieres

Dass der Mensch zugreift, eine Kamera aufs Armaturenbrett montiert und sich dabei filmt, wie er im Tiefflug durch Innenstädte, über Landstraßen rast, ist nur der letzte Akt einer Reihenfolge von gesellschaftlichen Veränderungen die seit jeher Extreme produzierte. Raser und illegale Rennen gibt es solange es das Auto gibt – dass sie medial momentan so im Fokus liegen, hat seine Wurzeln größtenteils in der kürzlich erfolgten Häufung von Raser-Unfällen mit Unbeteiligten.

Es ist also die Summe vieler Faktoren. Leichte Verfügbarkeit, geringe Hemmschwelle, großes „Respekt-Potenzial“. Gäbe es in der heutigen Welt keine Autos, sondern Pferde, würden sich die Raser eben damit Duelle liefern.

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Autos werden nicht nur stärker, sondern diese Mehrleistung auch dank Krediten & Leasing viel leichter verfügbar. Foto: fotolia.com © fotomek

Legal, illegal,…

Jeder, der irgendwann schon einmal einen Adrenalinkick spürte, der wird in der Retrospektive bestätigen können, dass er dabei nicht nur jegliches Zeitgefühl vergaß, sondern auch sämtliche Risiken und Folgen, die sein Tun haben könnte. Der kürzlich verstorbene Base-Jumper Uli Emanuele hing auch dem Adrenalin an – und dass Strafen von Haus- und Landfriedensbruch (Deutschland) bis hin zu Ausweisungen (Dubai) für solche Fallschirmspringer drohen, hielt weder ihn noch den Rest der Base-Jumper-Gemeinde ab. Schon heute gibt es einen deutschlandweit geltenden Bußgeldkatalog, der auch für Raser eine Menge Strafen bereithält -  ohne Hoffnung darauf, dass eine verschärfte Version davon für weniger illegale Straßenrennen sorgt.

Strafen jeglicher Art schrecken nicht ab. Das erkannte nicht nur jüngst ein Fachgremium am Bonner Landgericht, sondern auch die nüchternen Zahlen.

  • Mord
  • Illegaler Waffenbesitz
  • Drogenmissbrauch
  • Körperverletzung
  • Diebstahl
  • Raub

sind in der BRD seit ihrem Bestehen verboten – trotzdem brachte das ganze Gewicht des Strafrechtskatalogs keinen Täter von seinem Tun ab – und ähnlich wird es sich auch bei Autorennen verhalten. Es werden vielleicht einzelne, die sowieso zaghaft waren, langsamer machen. Die, die wirklich den Adrenalinkick suchen und brauchen, werden davon jedoch nicht beeinflusst werden. Die möchten den nächsten Flash, die nächsten paar Minuten Ruhm – und das liegt ihnen näher, als jeder Richter, der eventuell, falls was passiert, vielleicht eine harte Strafe aussprechen könnte.

Fazit

Raser sind sowohl ein Kind der heutigen Gesellschaft als auch keines - zwar gibt es illegale Straßenrennen seit das Auto erfunden wurde. Dass es heute aber so im Fokus liegt, hat andere Ursachen. Raser suchen immer den Adrenalinkick – und obwohl wir heute in einer freien Gesellschaft leben, ist es immer weniger möglich, diesen in gesellschaftlich akzeptierter Weise zu finden. Wem früher „das Fell juckte“, der ging Boxen, ließ in der Kneipe Dampf ab – so er denn nach der Arbeit noch genug Energie dazu hatte. Heute hingegen kommt der Mangel an Ausgleichsmöglichkeiten zusammen mit der Ablehnung gegenüber praktisch allem, was irgendwie nach Testosteron riecht. Gibt man dann noch die im Übermaß vorhandenen Faktoren „Zeit“ und „Sensationsgier“ hinzu, ist es nur eine logische Schlussfolgerung, dass Innenstädte oft zu Rennstrecken werden.

Eine Antwort auf dieses Phänomen sind sicherlich nicht härtere Strafen, sondern gesellschaftlicher Wandel und die Akzeptanz, dass nicht jeder damit zufrieden ist, wenn er gezwungen wird, von morgens bis abends still zu sitzen und brav zu sein.



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