Fr., 25.03.2016

Schuld und Sünde heute Schuldgefühle haben nicht nur die Frommen

Die Lehre von der Erbsünde, die in der Erzählung vom Sündenfall im Paradies – hier die Sündenfallgruppe von Johann Brabender im LWL-Museum für Kunst und Kultur von 1545/50 – symbolisch verdichtet ist, gehört zu den schwierigsten theologischen Themen überhaupt. Moderne Theologen interpretieren sie so, dass der Mensch allein dadurch, dass er lebt, in Unrecht und Böses verstrickt ist. Er kann sich nicht aus eigener Kraft befreien, sondern braucht dafür die Gnade Gottes.

Die Lehre von der Erbsünde, die in der Erzählung vom Sündenfall im Paradies – hier die Sündenfallgruppe von Johann Brabender im LWL-Museum für Kunst und Kultur von 1545/50 – symbolisch verdichtet ist, gehört zu den schwierigsten theologischen Themen überhaupt. Moderne Theologen interpretieren sie so, dass der Mensch allein dadurch, dass er lebt, in Unrecht und Böses verstrickt ist. Er kann sich nicht aus eigener Kraft befreien, sondern braucht dafür die Gnade Gottes. Foto: LWL

Greven - 

Sünde? Ein Wort, das heute kaum mehr Bedeutung zu haben scheint. „Kann denn Liebe Sünde sein?“, klingt verlockend-verrucht, und wer davon spricht, dass er heute „gesündigt“ habe, meint meist, dass er zu viel Schokolade genascht hat. Auch das Wort „beichten“ wird nur noch selten religiös verstanden – es geht meist um lässliche Sünden, über die man augenzwinkernd spricht. Nur das Wort Schuld hat seine Schwere behalten – man ahnt, dass Schuld ein Leben zerstören kann. Aber wohin gehen die Menschen heute mit dieser Schuld? Wie werden sie damit fertig? Unsere Zeitung fragte einen Pastor und eine Psychotherapeutin.

Von Monika Gerharz

Kennen Sie das noch? In den Tagen vor Ostern ging es klassenweise in die Kirche zum Beichten. Im dunklen Beichtstuhl gestand man „in Demut und Reue“ seine kindlichen Sünden: „Ich habe den Eltern nicht gehorcht, ich habe gelogen, ich habe meiner Schwester Bonbons geklaut.“ Zur Buße gab‘s drei Ave Maria, dann schlug der Pfarrer sein Kreuz: „Ego te absolvo“ – „ich spreche dich frei“ – und damit war die Rechnung mit Gott beglichen.

Und heute? Zu den Beichtzeiten in den katholischen Kirchen taucht nur selten ein Sünder auf. „Ehrlicherweise muss man sagen, dass es vielleicht zwei Hände voll sind im Jahr, die aus einem tiefen Schuldgefühl heraus das Beichtgespräch suchen“, sagt Pastor Klaus Lunemann von St. Martinus. Dazu kommen regelmäßige „Andachtsbeichten“ – dort geht es eher um geistliche Begleitung als um schwere Schuld.

Sind also die echten Sünder, die Hochmütigen und Jähzornigen, mit dem Nachlassen der Kirchlichkeit ausgestorben? Oder sündigen sie einfach frisch und munter, ohne Reue? Manchmal scheint es so, wenn man sich die Beicht-Seiten anschaut, die es im Internet so gibt – die absurdesten „Sünden“ werden dort gepostet. Aber Dr. Annette Graubner-Scheffler weiß, dass der Eindruck täuscht. „Auch Atheisten haben Schuldempfinden und sehnen sich nach Vergebung. Das ist ein urmenschliches Bedürfnis“, sagt die Grevener Psychotherapeutin und Psychiaterin. Allerdings geht ihre Zunft anders mit dem Thema um als die Kirche – auch wenn es Berührungspunkte gibt. „Es gibt ganze Kongresse zum Thema Psychotherapie und Beichte.“

Ganz klar ist allerdings: Die Versöhnung mit einem transzendenten Gott ist nicht das eigentliche Thema der Psychotherapie. Geht es in der Religion um das Seelenheil, so steht in der Psychotherapie die seelische Heilung im Mittelpunkt. Dazu gehört die Versöhnung des Menschen mit sich selbst. „Vor allem Menschen, die zu Depressionen neigen, neigen dazu, ihr Fühlen und Denken auf eine mögliche Schuld zu fokussieren und alle anderen Persönlichkeitsanteile nicht mehr wahrzunehmen“, weiß die Therapeutin. Ein Beispiel: Jemand fühlt sich dem Gebot, Vater und Mutter zu ehren, tief verpflichtet. Er pflegt seine Eltern bis zur Selbstaufgabe – und steckt dennoch voller Schuldgefühle, weil er hinter den eigenen Ansprüchen zurück bleibt. „Durch diesen andauernden inneren Konflikt kann es zur Entwicklung einer depressiven Symptomatik kommen, die heute gern als Burn out bezeichnet wird“, sagt Dr. Graubner-Scheffler. Solche Menschen können in der Psychotherapie lernen, auch die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu akzeptieren, sie durchzusetzen und so Schuldgefühle aufzulösen. In diesem Punkt sind sich Therapeutin und Beichtvater übrigens einig. „Wer sich selbst nicht liebt und für sich sorgt, kann auch den Nächsten nicht lieben“, sagt Pastor Lunemann. „In der Beichte geht es nicht nur um Böses, was ich getan und Gutes, was ich unterlassen habe, sondern immer auch um die Frage: Entfalte ich die Talente und Gaben, die Gott mir gegeben hat?“ „Gelingendes Leben“ ist der Begriff, den er gern benutzt.

Aber ist gelingendes Leben noch möglich, wenn jemand große Schuld auf sich geladen, beispielsweise bei einem Unfall den Tod eines Kindes verursacht hat? Kann so jemand wieder froh werden? „Das Wort der Versöhnung kannst Du Dir nicht selbst sagen“, ist der Pastor überzeugt davon, dass gerade in solch tragischen Situationen das „Ego te absolvo“, vom Priester in Stellvertretung Christi im Sakrament der Buße gesprochen, Mut machen kann, trotz und mit der Schuld zu leben.

„Nicht jeder, der Schuld auf sich geladen hat, muss psychische Probleme entwickeln“, weiß wiederum die Therapeutin. „Geschieht das aber, setze die Psychotherapie nicht nur auf ein Besprechen der Schuldsituation, sondern auf die zahlreichen Facetten, die einen Menschen auch noch ausmachen. „Ich bin nicht nur die Schuldige. Ich bin auch die Mutter, die Ehefrau, die Freundin, ich bin vielleicht auch witzig, hilfsbereit, verlässlich und vieles mehr.“ Das bedeutet aber keineswegs, die Schuld wegzuwischen, im Gegenteil. „Selbstverantwortung“ ist das Zauberwort in der Psychotherapie. „Wir leben in einer normativen Gesellschaft, dennoch haben wir heute die Freiheit, selbst zu entscheiden. Unsere heutige Welt ist viel zu pluralistisch, zu zerfallen – die Kategorien falsch und richtig sind vom Standpunkt abhängig“, sagt Dr. Graubner-Scheffler und erinnert an die komplexe moralische Gemengelage etwa beim Thema Tyrannenmord.

Um so tragische Geschichten geht es allerdings selten, weder im Beichtstuhl noch im Sprechzimmer. „Ich hatte zum Glück noch niemanden, der eine ungeahndete Straftat gebeichtet hat“, sagt Pastor Lunemann. Und die Therapeutin hat es beim Thema Schuld und Schuldgefühle oft mit Alltäglichem, manchmal Banalem zu tun, das dennoch ungeheueres Leid verursachen kann. „Muss-Turbationen“ nennen es die Fachleute, oder „Sollte-Tyranneien“, wenn sich jemand alle Erwartungen der Umgebung zu eigen macht. Das führt zu ungeheuerem Stress, und, da niemals alle Erwartungen erfüllt werden können, zu Depressionen und Schuldgefühlen. Trotzdem ist es nicht so einfach, aus diesem Hamsterrad auszubrechen. „Leistung ist die einfachste Art, Lob und Anerkennung zu bekommen, die jeder Mensch braucht“, erläutert die Psychotherapeutin, warum Menschen sich solchen Torturen aussetzen. Hier Prioritäten zu setzen, sich nicht mehr jeden Schuh anzuziehen, sondern bewusste Entscheidungen zu treffen und sich so innere Freiheit zu verschaffen, das ist das Ziel der Psychotherapie.

Ein Ziel, das in den Augen des Pastors gewiss nicht falsch ist. Für ihn geht es in dem Komplex Schuld - Sünde - Vergebung aber noch um eine weitere Dimension: Die Religiöse. „Beichte macht nur Sinn, wenn jemand das Evangelium als Grundlage seines Lebens sieht.“ Nicht die eigene Entscheidung ist die letzte Instanz. Es geht darum, das Leben „auf das Evangelium einzuschwingen“, wie Lunemann sich ausdrückt. Und die Konsequenzen gehen für den Christen auch über das eigene Leben hinaus, es ist nicht genug, nicht zu lügen und zu stehlen. Lunemann führt das Gleichnis vom Reisenden an, der unter die Räuber gefallen ist. „Natürlich ist es zuallererst wichtig zu helfen. Aber es geht im zweiten Schritt darum, räuberische Strukturen zu beseitigen. Das heißt heute: Ich muss die Unrechtsstrukturen sehen, die dazu führen, dass an der Banane, die ich esse, vielleicht Blut klebt.“ Oft kann man sich diesen Strukturen nicht entziehen – die Kirche spricht in diesem Zusammenhang nicht umsonst von Erbsünde. Aber bereuen und in der Beichte um Vergebung bitten, das geht. Und das kann manches verändern, sagt der Pastor.

Aber sind solche Rituale nicht nur frommer Selbstbetrug, mit dem man die Schlechtigkeit der Welt verdrängt? Nicht unbedingt, verteidigt die Therapeutin die Religion. „Rituale sind Verarbeitungsmöglichkeiten, die kollektiv anerkannt sind und deshalb von jedem verstanden werden.“ Darum können Versöhnungsrituale, wie es sie in allen Religionen gibt, für einen gläubigen Menschen durchaus eine Möglichkeit sein, Schuld leichter zu verarbeiten. „Psychotherapie und Beichte brauchen sich nicht auszuschließen, sie haben die Chance, sich gegenseitig zu ergänzen“, sagt Dr. Graubner-Scheffler.

Aber mit den Erfahrungen einer Psychotherapie im Rücken läuft ein solches Beichtgespräch ganz gewiss nicht mehr nach dem vorkonziliaren Schema „Zwei Mal drittes Gebot, drei Mal viertes Gebot“ ab. Da geht es um existenzielle Wunden, für die jemand Heilung durch göttliche Vergebung erhofft. In Demut und Reue.



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