Fr., 23.09.2016

Vorrang für Mensch oder Auto? Mobilitätskonzept: Stadt und Planungsbüro radeln mit Experten und Bürgern von Greven nach Reckenfeld

Kirchplatz Reckenfeld: Der Ortskern ist sehr autodominiert, der Kirchplatz dient in erster Linie als Parkfläche. Warum eigentlich?

Kirchplatz Reckenfeld: Der Ortskern ist sehr autodominiert, der Kirchplatz dient in erster Linie als Parkfläche. Warum eigentlich? Foto: Oliver Hengst

Greven/Reckenfeld - 

Vorrang für Autos oder Menschen? Die Ist-Situation in Reckenfeld wurde jetzt von einem Radtrupp aus Experten und Bürgern in Reckenfeld abgeklopft. Das Ergebnis: Vor allem am Kirchplatz geht mehr.

Von Oliver Hengst

Das Thema Sauberkeit am Bahnhof ist augenfällig: Laub, Unkraut, Müll – und auch viel Fahrrad-Schrott, mit dem niemand mehr fährt. „Ich habe mal kurz durchgezählt und bin auf 13 gekommen“, sagt Stadtplaner Christian Jakob am Haltepunkt in Reckenfeld, dem Ende der Tour. Am Grevener Bahnhof, wo die Tourteilnehmer rund zwei Stunden zuvor einen der ersten Stopps einlegen, sind es noch viel mehr – auch die Sauberkeit ist dort ein größeres Sorgenkind. „Da sieht ja mein Kaninchenstall ordentlicher aus“, urteilt Jakob trocken.

Er war am frühen Mittwochabend Teil einer rund zehnköpfigen Radfahrergruppe, die auf Einladung der Stadt (die gerade eine Mobilitätskonzept erarbeitet) von Greven nach Reckenfeld geradelt ist, um an einigen neuralgischen Punkten Verkehrs-Probleme (nicht nur aus Sicht der Radfahrer) in den Blick zu nehmen, Wünsche und Erwartungen zu formulieren und Ideen einzusammeln. Idealerweise von jenen, die täglich auf Grevens Straßen und Wegen unterwegs sind: den Bürgern. Doch die waren am Mittwoch Mangelware: Ein Grevener Ehepaar, ein Reckenfelder Lokalpolitiker (Klaus Schwenken), zweimal Presse, ansonsten ausschließlich Funktionsträger. Dennoch schrieb Olaf Pochert, Grevens einstiger Klima- und jetziger Mobilitätsmanager, eifrig mit. „Wir erstellen eine Dokumentation, die später auch öffentlich zugänglich ist.“

Probleme wurden an vielen Stellen offenbar, nicht zuletzt rund um den Grevener Bahnhof: Abschließbare Abstellboxen wurden gewünscht, in der Unterführung Absperrungen, die nicht ganz so eng sind. „Mit einem Fahrradanhänger kommt man da nicht durch“, berichtete ein Teilnehmer.

In Reckenfeld war der erste Haltepunkt die neue Querungshilfe an der Grevener Landstraße. Die Frage von Diplomingenieur Sebastian Schröder-Dickreuter (Planersocietät Bremen), von der Stadt als Begleiter engagiert: Sind Sie als Radfahrer oder Fußgänger damit zufrieden? Eigentlich schon, lautete der Tenor. Besser als nichts. Das sorgte bei Stadtplaner Jakob für einiges Erstaunen. Man könne sich noch viel mehr denken: ein Zebrastreifen, eine Ampel, die per Schleifenschaltung automatisch auf Grün für Radfahrer springt. Schröder-Dickreuter nannte Beispiele aus Amsterdam und Kopenhagen. Dort würde eine Querung so ausgeführt, dass Radfahrer nicht den Bordstein runter und wieder rauf müssten, sondern auf gleicher Höhe durchfahren könnten. Die Autofahrer wiederum müssten an dieser Rampe automatisch abbremsen, wenn sie ihr wertvolles Fahrzeug schonen wollten. Jakob erläuterte, dass ganz Generationen von Planern das Ideal der autogerechten Stadt verfolgt hätten – und nicht jenes der menschengerechten Stadt. „Es ist doch interessant, dass manche Stellen für Radfahrer oder Fußgänger nicht annähernd so ausgestattet sind, wie es für Autofahrer ganz selbstverständlich eingefordert wird. Man muss den Blickwinkel weiten, wenn man den Radverkehrsanteil in einer Stadt erhöhen will.“ Dass ein solcher Prozess Jahrzehnte dauern könne, müsse man einkalkulieren.

An der Grundschule Reckenfeld kam die Runde nicht umhin, das Verhalten von Eltern (Hol- und Bringdienste) kritisch zu beleuchten. Schröder-Dickreuter schlug „Bannmeilen“ direkt an der Schule und dafür „Abholzonen“ in zumutbarer Entfernung vor. Klaus Schwenken verwies darauf, dass der just abgeschaffte Parkstreifen direkt gegenüber dem Haupteingang nach wie vor fleißig genutzt werde. „Man sieht ja die Reifenspuren. Da müssen Poller hin.“ Doch natürlich ist auch das Verhalten von Schülern (zumindest rund um weiterführende Schulen) nicht immer ganz astrein: „Manche erzwingen sich eine Vorfahrt, die sie gar nicht haben“, beobachte Jakob im direkten Rathaus-Umfeld.

Vorrang für Autos oder Menschen? Darüber wurde auch und vor allem auf dem Kirchplatz Reckenfeld gesprochen. Ein Bürger forderte die Möglichkeit ein, die Arztpraxis weiter mit dem Auto anfahren zu können. Anderen sind die Autos auf dem zentralen Platz zu dominant. Jakob etwa kann sich vorstellen, den Parkstreifen entlang der Bahnhofstraße zu vergrößern (Querparken), dadurch den Kirchplatz zwar etwas zu verkleinern, ihn aber so aufzuwerten, dass er deutlich mehr Aufenthaltsqualität aufweist – barrierefreies Pflaster inklusive. Für solche Maßnahmen (siehe Greven) gebe er derzeit Fördermittel.

► Am Samstag findet eine weitere Planungsradtour für Bürger statt – dann mit dem Schwerpunkt Greven (unter anderem Molkereikreuzung und Königstraße). Start ist um 13 Uhr am Busbahnhof gegenüber dem Rathaus.

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