Fr., 23.09.2016

Migrationsforscher im Ballenlager „Brauchen jährlich eine Million Zuwanderer“

Riss sein Publikum mit: Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, der viel über Migration forscht, hat selbst syrische Wurzeln. Seine These: Gerade gelungene Integration schafft Stress – nämlich Verteilungskämpfe.

Riss sein Publikum mit: Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, der viel über Migration forscht, hat selbst syrische Wurzeln. Seine These: Gerade gelungene Integration schafft Stress – nämlich Verteilungskämpfe. Foto: Monika Gerharz

Greven - 

Es wird stressig, es wird konfliktreich, ist aber unter dem Strich eine große Chance: Der Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani hält eine jährliche Zuwanderung von einer Million Menschen für nötig, um den Bevölkerungsstand in Deutschland zu halten.

Von Monika Gerharz

Klar, die Sache ist stressig, sehr stressig, für alle Beteiligten. Sie bedeutet Streit, vielleicht Krawall. Aber sie ist unvermeidlich, und darum sollte man das beste daraus machen. Und dann kann am Ende etwas Gutes dabei herauskommen – gesellschaftlicher Fortschritt und Innovation.

So könnte man in drei, vier Sätzen zusammenfassen, was der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani von der Fachhochschule Münster am Mittwoch im Ballenlager zum Thema „Herausforderung Migration – Wo steht Deutschland in zehn Jahren?“ sagte. Die beiden Grevener Flüchtlingshilfen, der KKV, der Reckenfelder Bürgerverein und der Reckenfelder Treff, die Aktion Hoffnungsschimmer und alle Ratsfraktionen außer der CDU hatten eingeladen. „Dabei war ich schon bei der CSU“, zwinkerte Mafaalani.

Doch zurück zum Thema: Es wird schwierig werden, sagte der Referent vor mehr als 200 Zuhörern – aber es geht kein Weg an der Einwanderung vorbei. Und zwar nicht, weil die Migranten unbedingt nach Deutschland kommen wollen. Sondern weil Deutschland unbedingt Einwanderung braucht. „Wir brauchen jedes Jahr eine Million Zuwanderer, wenn wir im Jahr 2050 noch 80 Millionen sein wollen, denn nur die Hälfte wird auf Dauer bleiben“, verwies er auf den dramatischen demografischen Wandel.

Für El-Mafaalani kommt es darauf an, diese Einwanderung vernünftig zu gestalten. Sein Vorschlag: Ein Zettel-zieh-System wie in Ämtern in den deutschen Botschaften im Ausland für einen gesteuerten Zuzug, verbunden mit klaren Regeln für ein dauerhaftes Bleiberecht – sehr gute Sprachkenntnisse, Integration in den Arbeitsmarkt, keine Straffälligkeit. Für Sondersituationen sollte es einen Notfallplan ohne dauerhaftes Bleiberecht geben. „Ich dachte immer, so etwas gäbe es“, war der Wissenschaftler selbst erstaunt, dass der Staat in der Flüchtlingskrise so hilflos war. „Es kann ja auch mal sein, dass man aufgrund einer Naturkatastrophe eine Million Niederländer versorgen muss.“

Allerdings – auch im bestgeregelten Fall werde die Integration kein Zuckerschlecken. Es komme vermehrt zu Verteilungskämpfen, auf die vor allem heterosexuelle weiße Männer einfach keine Lust mehr hätten. Erst hätten sie Arbeit, Geld und Macht an die Frauen, dann an die Schwulen abgeben müssen. Und jetzt überflügele auch mancher Migrant den Urdeutschen. „Was sieht ein deutscher Mann, wenn er den Fernseher einschaltet? Türkischstämmige Kabarettisten, die Witze über Ostdeutsche machen“, illustrierte El-Mafaalani den Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Abstiegsängsten. „Integration beginnt massenweise zu gelingen – und das Konfliktpotenzial wächst.“ Das muss seiner Ansicht nach aber gar kein Nachteil sein, denn Konflikte seien der Motor für gesellschaftlichen Fortschritt. Demokratie, Menschen-, Arbeiter- und Frauenrechte seien alle nicht in Harmonie errungen worden. Der Professor: „Gäbe es keine Konflikte, würden wir noch auf den Bäumen sitzen.“

Eine Sorge allerdings treibt den Wissenschaftler um: Wie kann Zuwanderung gelingen, ohne dass der Rechtsradikalismus, besonders unter jungen Menschen, weiter erstarkt? Ein Patent-Rezept hatte El-Mafaalani nicht, aber er wies auf einen interessanten Zusammenhang hin: Rechtsradikalismus gedeiht am besten in pessimistischen Gesellschaften – und eine solche Einstellung sei in alternden Gesellschaften leider verbreiteter als Optimismus, Gestaltungswillen und Risikobereitschaft. „Da habe ich keine Lösung", sagte El-Mafaalani. „Aber eines weiß man: Es nützt nichts, wenn bürgerliche Parteien nach rechts rücken.“

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