Fr., 23.09.2016

Konstantin Wecker in Greven Romantiker mit Herz für Versager

Konstantin Wecker bleibt sich treu und zeigt sich auch im Ballenlager als Mutmacher, Anarchist und romantischer Polit-Lyriker mit großem Herz für Träumer und Versager.

Konstantin Wecker bleibt sich treu und zeigt sich auch im Ballenlager als Mutmacher, Anarchist und romantischer Polit-Lyriker mit großem Herz für Träumer und Versager. Foto: Hans Lüttmann

Greven - 

Witzig, hintersinnig, politisch, lyrisch, empört: Konstantin Wecker wird im Alter immer besser, er fesselte bei seinem Konzert im Ballenlager sein Publikum mit der Vielfalt seiner Ausdrucksmöglichkeiten.

Von Hans Lüttmann

Das vergisst man bei ihm ja so schnell: Dass er auch Schauspieler ist, dass er furchtbar albern sein kann, manchmal an der Abbruchkante zum Kitsch balanciert. Und nicht fies davor ist, sich auf der Bühne auch mal zum Affen zu machen, wie in der Szene, als er die Damen von der Kö mit dem großen Portmonnö nachäfft. Und hinterher, als er aus seiner bewegenden Lebensbeichte liest („Die Kunst des Scheiterns“), zugeben muss, dass er als Jugendlicher auch davon geträumt hat, „mit Rolex und bodenlangem Nerz über die Boulevards zu flanieren“. Und der Musiker Konstantin Wecker, der Kabarettist, der Mutmacher und Polit-Lyriker, Aufrüttler, Kämpfer für Toleranz, Gerechtigkeit und Weltfrieden? Sachte, der kommt noch, kurz vor der Pause, aber jetzt ist erst mal die Liebe dran, dann ein Weilchen 70er und 80er Jahre und dann. Dann.

Mit dem Bekenntnis „Ich singe, weil ich ein Lied habe, nicht weil es euch gefällt“ beginnt das Konzert, in dem der inzwischen 69-Jährige nicht nur Politik und Unterdrückung geißelt, sondern auch ganz Privates und Alltägliches besingt und vorliest. Aus seiner Autobiografie über seine Erfolge und Fehltritte, wie er sie heute sieht, darüber, wie er Liebe und Gott und die Begegnungen mit dem Teufel heute versteht, über Vaterschaft und Verantwortung. Die Geschichte einer Verwandlung, eine Meditation über die Lektionen des Lebens, eine Anleitung in der Kunst des Scheiterns. (Saukomisch die Anekdote aus seinem ersten Gefängnisaufenthalt als 18-Jähriger, in der Wecker anschaulich beschreibt, wie das Kloschüssel-Telefonieren mit seinem Zellennachbarn funktionierte.)

Mit der Vertonung von Georg Heyms Gedicht „Der Krieg“ („Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald, Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.“) ging es dann kurz vor und am langen Stück nach der Pause mit ganz anderem, eher Wecker-typischen Schwung zur Sache: „Empört euch, sagt Nein!“, ruft er in den Saal, klagt skrupellose Industrielle und verlogene Politiker an, ätzt über Schwulen-, Schwarze- und Judenhasser, schleudert neuen Nazis seine Wut ins Gesicht, kotzt sich über Banken und Spekulanten aus und droht Ausländerfeinden, Asylbewerberheim-Anzündern und Pegida-Hetzern: „Wer kein Mitgefühl für Flüchtlinge hat, die in ihrer Heimat ihr Haus verlieren, die sollen ihr Haus verlieren.“

Mit 14 Jahren, liest er weiter, riss er zum ersten Mal von zu Hause aus, „um freier Dichter zu werden“. Saudumm, das im Winter zu versuchen, das lernte er ziemlich schnell: „Ein Gedichtband taugt da nur bedingt; der wärmt vielleicht die Herzen, aber nicht die Füße.“ Und weil auch einem freien Dichter irgendwann das Geld ausgeht, hat er sich fremdes genommen („Einnahmen von der Pferderennbahn, das war eh nicht ehrenhaft.“) Und landete im Gefängnis, wo sein verständnisvoller Vater ihm diese Lebensweisheit offenbarte: „Zwischen einem Künstler und einem Verbrecher gibt es nur einen ganz kleinen Unterschied – und du taugst zum Verbrecher nicht!“

Inzwischen hatte Konstantin Wecker seinen Klavier-Hocker geräumt und Platz gemacht für seinen gut aufgelegten Keyboarder Jo Barnickel, der für seine feinsinnige und manchmal inbrünstige Begleitung zu Recht viel Szenenapplaus bekam.

Schon waren zwei wunderbare, aufweckende Stunden verflogen, und Konstantin Wecker schloss den Kreis mit einem vertonten Gedicht von Angelus Silesius, Lyriker im 17. Jahrhundert: „Sunder warumbe: Die Ros ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet, Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ Und kommentierte das so: „In unserer Gesellschaft ist mittlerweile alles nur auf einen Nutzen ausgerichtet, alles hat nur einen Wert, wenn es verkäuflich ist, der Herrschaft des Marktes dient. Sunder warumbe regt an, sich diesem pervertierten, ausschließlich auf materiellen Gewinn hin ausgerichteten Leben zu entziehen. Den Zauber des Unnützen wiederentdecken. Nicht leben, um etwas zu leisten, sondern leben wie die Amsel singt: sunder warumbe, ohne Warum.“

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