Fr., 13.01.2017

Interview mit Schulleiter Volker Krobisch „Viele sind so schlau und nehmen eine Auszeit“

Dr. Volker Krobisch, Leiter des Gymnasiums Augustinianum, weiß, dass G8 einem Großteil der Schüler Probleme bereitet. Er möchte daher gern G8 und G9 parallel anbieten.  

Dr. Volker Krobisch, Leiter des Gymnasiums Augustinianum, weiß, dass G8 einem Großteil der Schüler Probleme bereitet. Er möchte daher gern G8 und G9 parallel anbieten.  

Höhere Anforderungen durch G8 – und somit weniger Zeit für Sport, Musik, Hobby, Freunde, Familie. Nicht allen Gymnasiasten geht es so, aber vielen. Sie müssen sich im G8-System (Abitur nach Jahrgangsstufe 12) strecken, um mitzukommen. Mitunter leidet darunter die persönliche Entwicklung. Im Interview erläutert Dr. Volker Krobisch, Leiter des Gymnasiums Augustinianum, Redakteur Oliver Hengst, welchen Ausweg er empfiehlt.

Seit wenigen Tagen läuft ein Volksbegehren zur Wiedereinführung von G9. Schon unterschrieben?

Dr. Volker Krobisch (lacht): Sagen wir so: Ich habe mich schon an anderer Stelle deutlich positioniert, bei der Umfrage der Landeselternschaft NRW . Ich bin für eine Rückkehr zu G9.

Dann können Sie die Bedenken von Eltern gegen G8 nachvollziehen? Oder argumentieren Sie eher aus Schulleiterperspektive?

Krobisch: Ich argumentiere aus Schulleiterperspektive. Und als solcher muss ich natürlich Aspekte, die Eltern einbringen, berücksichtigen – genau wie die von Lehrern und Schülern.

Waren Sie schon immer für G9? Oder ist das das Ergebnis eines Prozesses?

Krobisch: Ich war schon gegen die Einführung von G8. Damals habe ich mit dem Vorsitzenden des hessischen Philologen-Verbandes, Dr. Dittmann, darüber nachgesonnen: Wie können wir die Politik davon abhalten, diesen irrwitzigen Schritt Richtung G8 zu tun?

Warum?

Krobisch: Weil nach meiner festen Überzeugung nicht pädagogische Gründe diese Entscheidung angetrieben haben, sondern eher volkswirtschaftliche oder demografische Motive – auch befördert von Wirtschaftsakteuren wie Unternehmerverbänden. Für mich zählen aber pädagogische Gründe. Und die Pädagogik fordert von uns, die Schülerinnen und Schüler in einer solchen Weise zu fördern und zu stützen, dass es ihrer Persönlichkeitsentwicklung entspricht. Heißt: Die Anforderungen müssen immer etwas höher als die Leistungsfähigkeit sein, aber sie dürfen nicht viel zu hoch sein. Beispiel: Wir beginnen mit der zweiten Fremdsprache in Klasse sechs. Ich halte das schlichtweg für falsch. Obwohl es Grundschulenglisch gibt, wäre es richtig mit der zweiten Sprache erst in Stufe sieben zu beginnen.

Das heißt: G8 überfordert nach Ihrer Erfahrung einen Großteil der Schüler?

Krobisch: Ich bin überzeugt, dass für 20 bis 25 Prozent eines Jahrgangs G8 genau richtig ist. Für die anderen 75 bis 80 Prozent ist G9 genau richtig. Ich wünsche mir ein Schulsystem, dass beiden Gruppen Angebote machen kann.

Die Gesamtschule bietet G9 an . . .

Krobisch: Wenn sie dieser früheren Argumentation dieser Landesregierung folgen würden, hieße das, dass nur noch rund 25 Prozent zum Gymnasium gehen würden. Das kann nicht Sinn des Schulsystems sein. Ich glaube, dass man Folgendes tun müsste: Man sollte G8 und G9 als Bildungsgang nebeneinander am Gymnasium laufen lassen.

Auf dem Papier vielleicht eine prima Lösung. Aber besteht nicht die Gefahr, dass Gymnasien mit der Umsetzung allein gelassen werden, ohne dass sie die nötigen Ressourcen dafür erhalten?

Krobisch: Das ist sicher eine Leidmotiv (mit d geschrieben!) der Bildungspolitik. Aber ich sehe hier Besserung. Man verordnet nicht nur Veränderungen (Beispiele: Integration von Flüchtlingen), sondern stellt auch Ressourcen zur Verfügung. Da muss man fair bleiben. An der Stelle sehe ich Landespolitik in Kongruenz mit den Bedürfnissen von Schule. Bei G8/G9 sehe ich gar nicht die Notwendigkeit zusätzlicher Ressourcen, bis auf die, dass man im G9-Modus insgesamt natürlich mehr Unterricht hat. Klar, da müssen Stellen geschaffen werden. Aber da müssen keine Programme gefahren, Förderinstrumente erfunden werden oder ähnliches.

Und organisatorisch wäre das zu stemmen?

Krobisch: Das glauben nicht alle, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es geht. Als stellvertretender Schulleiter in Frankenberg /Eder habe ich genau dies kennengelernt. Ich habe erlebt, wie diese beiden Bildungsgänge ausgezeichnet nebeneinander funktionieren. Für die große Gruppe der Schüler, für die G9 genau richtig ist, gab es ein Angebot – und auch eins für die G8-geeigneten Schüler. Häufig sind dies die höher motivierten Schülerinnen und Schüler, die vielleicht auch etwas talentierter sind und daher weniger Zeit brauchen. Wir erleben auch, dass sehr gute Schüler von weniger guten Schülern – na ja – dahin gehend beeinflusst werden, dass sie nicht ihre volle Leistung bringen können.

Also ausgebremst werden?

Krobisch: Ja. Das geht bis zu Mobbing. Insofern sind stärker motivierte Schüler in einer Lerngruppe mit anderen, die ähnlich denken, sehr gut aufgehoben. Das wird gewiss immer die kleinere Gruppe sein.

Sind also drei von vier Schülern des Gymnasiums mit G8 überfordert?

Krobisch: Nein, so kann man das nicht sagen. Überfordert nicht. Aber angestrengt.

Es erfordert auch besondere Anstrengungen der Lehrer, um diese Schüler zum Abitur zu führen.

Krobisch: Ganz sicher. Ich stehe nicht allein mit der Wahrnehmung da, dass sich – ich nenne es mal: Belastungsstörungen gehäuft haben, vor allem in den Jahrgangsstufen neun bis elf.

Wie äußern sich diese Störungen?

Krobisch: Schüler entwickeln Schulangst, verweigern gänzlich Leistung, das kann bis hin zu psychischen Störungen führen. Es ist ein Tabu, aber da darf man sich nichts vormanchen. Ein optimales Umfeld für einen Gymnasiasten ist das sicher nicht. Natürlich sehen wir, dass unsere Schüler angestrengt sind. Und natürlich versuchen wir, zu reagieren. Ich glaube, dass gerade unsere Schule das mit Erfolg tut. Das 60-Minuten-Konzept ist ein gutes Mittel, um die stärksten Auswirkungen von G8 zu mildern. Die meisten Schüler, die bis zur Sekundarstufe 1 um 13.40 Uhr Schulschluss haben, können noch zum Fußball, zum Schach, haben Zeit für Hausaufgaben, für Freunde und Familie. Überdies haben wir ein Fördersystem und eine Haltung im Kollegium etabliert, die dazu führen, dass wir im vergangenen Jahr in der Sek. 1 eine Wiederholerquote von 1,5 Prozent hatten. Acht Schüler sind nicht versetzt worden. Immer noch acht zu viel, aber vertretbar für eine Schule unserer Größenordnung. Lern- und Fördergespräche werden jetzt gerade gesetzlich verankert, das machen wir aber schon ewig.

Trotz G8 geht der Wunsch nicht auf, dass die Abiturienten früher für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen . . .

Krobisch: Viele Schüler sind so schlau und nehmen sich ein Jahr Auszeit , gehen auf die einjährige Work-and-Travel-Tour nach Neuseeland oder wohin auch immer, machen ein Au-pair-Jahr – lernen also Leben hinzu und gehen dann ins Studium oder in den Beruf.

So wird aber die Grundidee hinter G8 konterkariert . . .

Krobisch: Was völlig richtig ist. Die junge Generation muss sich nicht den demografischen und volkswirtschaftlichen Plänen der älteren Generation beugen, sondern sie muss ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Früher im G9-Modus sind viele in der Jahrgangsstufe elf ins Ausland gegangen. Das sind heute weniger, aber es findet immer noch statt. Das hat sehr große Erfolge. Die Reifung der jungen Menschen ist fantastisch. Wenn die wiederkommen, haben die einen ganz anderen Zugang zur Schule.

Wenn NRW-Schulministerin Löhrmann G8 und G9 parallel ermöglicht, sind Sie dabei?

Krobisch: Wenn sie damit meint, dass diese beiden Bildungsgänge nebeneinander laufen können, dann halte ich das für eine sehr angemessene Ausstattung der Schule mit Rechten zur Ausgestaltung ihres Schulalltages. Wenn sie meint, und das höre ich raus, dass man geeignete Schüler springen lassen kann, dann wäre das der Zustand vor Einführung von G8. Springer gab es immer schon. Das als individuelle Lösung zu verkaufen, wäre nicht klug. Klug wäre es, Strukturen zu schaffen, die beides möglich machen. Nur so wäre äußere Differenzierung möglich. Und die trägt erheblich dazu bei, dass Schüler sich an der für sie geeigneten Stelle engagieren.

Wäre die Entscheidung darüber, ob G8 oder G9 für die Schüler richtig ist, bei diesen in den richtigen Händen?

Krobisch: „Es gibt Entscheidungen, die Eltern für ihre Kinder treffen müssen. Die Anzahl solcher Eltern-Entscheidungen nimmt ab im Laufe der Entwicklung hin zu einem Erwachsenen. Die Entscheidung für eine Schule müssen Eltern nach meiner Auffassung selbst verantworten und treffen – unter Hinzuziehung der Stimmung des Kindes. Eltern müssen auch noch Verantwortung übernehmen, wenn es in Stufe sieben und acht um Differenzierung geht. Wenn Schüler dann in die Oberstufe gehen, sollten sie so weit sein, dass sie sich selbst für Leistungskurse und anderes entscheiden können. Aber selbst entscheiden, ob G8 oder G9 für sie richtig ist? Nein. Das müssen die Eltern.“

Dauerbaustelle Schule: Ist es richtig, Rahmenbedingungen immer wieder anzupassen – oder hätten Sie gern mehr Ruhe?

Krobisch: Es ist meines Erachtens weltfremd zu sagen, Schule müsste jetzt mal Ruhe haben. Schulen brauchen keine Ruhe, sie brauchen Ressourcen, um sich möglichst gut an Entwicklungen anzupassen, um ihren Bildungsauftrag optimal erfüllen zu können. Es kommt nicht darauf an, in Ruhe gelassen zu werden. Wir brauchen zum Beispiel 100 000 Euro für eine moderne EDV-Ausstallung der Schule. Wir brauchen neue Naturwissenschaften (bekommen wir) und Personal (haben wir). Wir brauchen nicht mehr Ruhe, damit sich keiner mehr bewegt.

Schule als Wahlkampfthema: Freut Sie das – sagen wir – Interesse der Politik?

Krobisch: Klar. Wenn Politik Schule nicht mehr beachten würde, dann hätte Schule wirklich ein Problem. Die Zusammenarbeit mit dem Schulträger in Greven halte ich im Übrigen für sehr fruchtbar. Die Stadt Greven insgesamt nimmt Schule ernst. Und das tut nicht nur den Schulen gut, sondern auch der Stadt. Die Kooperations- und Diskussionsbereitschaft macht es zu einem Vergnügen, mit dem Schulträger zusammenzuarbeiten.



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