Sa., 14.01.2017

Hermann Reichling war auch in Greven unterwegs Pionier der Naturfotografie

Erholung im Grünen: Hermann und Sophie Reichling (rechts) mit Familie Rudolf Amelunxen (1926 bis 1932 Regierungspräsident von Münster und später Ministerpräsident) an der Ems bei Guntrup im Jahr 1932.

Erholung im Grünen: Hermann und Sophie Reichling (rechts) mit Familie Rudolf Amelunxen (1926 bis 1932 Regierungspräsident von Münster und später Ministerpräsident) an der Ems bei Guntrup im Jahr 1932. Foto: Reichling

Greven - 

Hermann Reichling ist ein Pionier der Naturfotografie. Offenbar hatte er aber auch Beziehungen zu Greven. Gibt man im Bildarchiv des Medienzentrums bei der Sammlung Reichling das Stichwort Greven ein, erscheinen rund 30 teils private Bilder, die Reichling unter anderem mit seiner Familie vor einer Art mobilem Wochenendhaus an der Ems bei Guntrup zeigen.

Von Thomas Starkmann

Er hat Vogelfänger und Plaggenstecher bei der Arbeit fotografiert, strickende Schäfer vor ihrer Herde und Besenbinder auf Wanderschaft. Vor allem aber hat Hermann Reichling Natur und Landschaft in Westfalen vor 100 Jahren dokumentiert. Zu einer Zeit, als kaum jemand auf die Idee kam, Moor, Heide, knorrige Wallhecken und andere westfälischen Eigenheiten, die heute oft verschwunden sind, auf die Platte zu bannen. Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Denn der fotografische Nachlass Reichlings besteht aus über 9000 historischen Glasplattennegativen, eine sehr kostspielige Methode, mit der sich aber überaus scharfe Bilder produzieren ließen. Die Negative sind mittlerweile zu großen Teilen digitalisiert worden und stehen im LWL-Medienzentrum für Westfalen online zur Verfügung. Eine sehenswerte Sonderausstellung im LWL-Naturkundemuseum Münster gibt zudem nicht nur einen Einblick in das fotografische Werk Reichlings, sondern auch über die oft abenteuerlichen Umstände, unter denen die Aufnahmen entstanden. Man sieht Reichling mit seiner voluminösen Plattenkamera in Baumkronen und auf Hausdächern sitzend oder in einem schwimmenden Tarnzelt auf dem Dümmer.

Dr. Hermann Reichling (1890-1948) war von 1919 bis 1933 und von 1945 bis 1948 Direktor des Naturkundemuseums. Offenbar hatte er aber auch Beziehungen zu Greven . Gibt man im Bildarchiv des Medienzentrums bei der Sammlung Reichling das Stichwort Greven ein, erscheinen rund 30 teils private Bilder, die Reichling unter anderem mit seiner Familie vor einer Art mobilem Wochenendhaus an der Ems bei Guntrup zeigen. „In den 1920er Jahre begannen die Stadtbewohner zunehmend, am Wochenende mit Kutschen oder Autos Ausflüge in die Natur zu unternehmen“, erläutert Dr. Bernd Tenbergen, Kurator der Ausstellung im Naturkundemuseum. Vor allem Seen, Flussufer und Heidegebiete zogen die Menschen an. „Besonders rücksichtsvoll benahmen sie sich dabei oft nicht, manchmal fuhren sie mit den Autos mitten in die Heide hinein“, sagt Tenbergen. Reichling sah diese Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge, weil er einerseits den Menschen die Natur näherbringen wollte, andererseits aber auch um ihren Schutz besorgt war.

Besonders viele Fotos hat Reichling von der Ems gemacht, die er und seine Mitarbeiter in den 1920er und 1930er Jahren von der Quelle bis zur Mündung dokumentiert haben. So gibt es Aufnahmen aus Gimbte von der damaligen Emsfähre und einem Naturfreibad. Fotos von der Ems bei Maestrup zeigen den Fluss noch unverbaut mit sandigen Uferabbrüchen. „Reichlings Aufnahmen entstanden zu einer Zeit, als sich die Landschaft grundlegend wandelte. Deshalb sind sie heute von besonderem Wert“, sagt Tenbergen.

Reichling hatte gute Verbindungen zur Politik und setzte sich für die Ausweisung von Naturschutzgebieten ein. Ein Foto zeigt ihn 1932 an der Ems in Guntrup mit Rudolf Amelunxen, dem damaligen Regierungspräsidenten von Münster, der 1946 erster Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wurde.

Nach 1933 geriet Reichling ins Visier der Nationalsozialisten. Aufgrund von Verleumdungen verlor er seinen Posten als Museumsdirektor und kam 1934 in das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland, wo er schwer misshandelt wurde. Nach einer teilweisen Rehabilitierung wurde er mit einem Forschungsauftrag an den Dümmer „verbannt“, wo er beeindruckende Foto- und Filmausnahmen erstellte. 1948, kurz vor Wiedereröffnung des Naturkundemuseum, starb Reichling, nicht zuletzt auch an den Spätfolgen der im KZ erlittenen Misshandlungen.

► Die Ausstellung „Vogelfänger, Venntüten und Plaggenstecher“ zum fotografischen Schaffen Reichlings ist noch bis zum 29. Januar im LWL-Naturkundemuseum zu sehen. Zu der Ausstellung sind ein Begleitbuch und ein Bildband erschienen.



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