Sa., 18.03.2017

Studium im Alter „Wir saßen da wie die Erstsemester“

Sie büffeln und haben Spaß dabei (von links) Charly Köster, Werner Jakob, Roland Post, Helmut Lötters und Eckhard Brautlecht.

Sie büffeln und haben Spaß dabei (von links) Charly Köster, Werner Jakob, Roland Post, Helmut Lötters und Eckhard Brautlecht. Foto: res

Greven - 

Charly Köster, Werner Jakob, Roland Post, Helmut Lötters und Eckhard Brautlecht sind im Ruhestand wieder ins Studentenleben zurück gekehrt. Sie und 36 weitere Grevener nehmen das Angebot des Studiums im Alter wahr.

Von Ulrich Reske

Mensa, Stammessen II – die kleine grüne Scheckkarte mit Lichtbild macht´s möglich. „Klar, können wir da essen“, schmunzelt Eckhart Brautlecht spitzbübisch. „Und in die Uni-Bibliothek gehen“, ergänzt Werner Jakob, „W-lan in allen Unigebäuden nutzen“, weiß Roland Post. Nur ein Semesterticket kriegen die fünf Studenten nicht, die sich an diesem Morgen in vorlesungsfreier Zeit im Besprechungsraum der Redaktion treffen. „Nicht so schlimm,“ entgegnen die Kommilitonen Charly Köster und Helmut Lötters. Gemeinsam genießen die Fünf seit einigen Semestern die Angebote des Studiums im Alter.

Wieder büffeln, sich in die schmalen Bänke der Hörsäle zwängen, Plätze in den Seminaren ergattern – nach zwei abgeschlossenen Studiengängen in Pharmazie und Betriebswirtschaft genießt Apotheker Brautlecht dieses Déjà-vu „Den Horizont erweitern“, ist seine Devise, der die beiden Kommilitonen Charly Köster und Helmut Lötters nickend beipflichten. Gemeinsam hören sie bei Prof. Norbert Konegen, blicken hinter die Kulissen des Europäischen Gerichtshofs, lernen die spannenden Geschichten hinter Brexit und Grexit kennen, öffnen sich neue Wissensfelder.

Für 125 Euro im Semester erwerben die Studenten ihren neuen Status. „Mit vielen unangenehmen Dingen“ hat sich der stellvertretende Leiter der Bundespolizei in Münster, Werner Jakob, herumschlagen müssen. Die Kunstgeschichte bildet da ein angenehmes Gegengewicht. Museumsbesuche und Kunstausstellungen standen stets auf der Favoritenliste des pensionierten Polizisten. „Nur meine Frau war mir da immer wissensmäßig voraus.“ Werner Jakob holt auf, tankt kunstgeschichtliches Knowhow an der Uni.

Doch allein mit den schönen Künsten gibt sich der 62-jährige nicht zufrieden. Das Seminar in öffentlichem Recht hat er gemeinsam mit dem 67-jährigen Roland Post belegt. Der ehemalige Kommunalpolitiker ist begeistert ob des „hochpolitischen“ Fachs und immens beeindruckt, wie weit „der gesunde Menschverstand und die tatsächlichen Rechtsnormen“ auseinanderliegen. Mit ihren Kommilitonen schlüpften die beiden Seniorstudenten bei einer simulierten Gerichtsverhandlung in die verschiedenen Rollen. Überraschend und ungeplant kam zu Semesterende die Aufforderung „Hefte auspacken, Klausur schreiben“. „Wir saßen da wie die Erstsemester“, empfanden Post und Jakob eine echte Herausforderung. Bestanden haben längst nicht alle. Die beiden Grevener schon.

„Keine Prüfung mehr“ – das schätzen hingegen der Mediziner Lötters und der Apotheker Brautlecht an ihrem neuen Studentenleben. Beide haben die 70 schon überschritten. Trotzdem reizt der scharfe Verwaltungsrichter auch dieses Studenten-Duo. „Da könnten wir uns im Wintersemester auch einschreiben“, verabreden die beiden Studenten spontan.

Ganz so weit entfernt hat sich Charly Köster eigentlich nie von der Uni, an der fast alle vor Jahrzehnten ihr Studium absolviert haben. Weiterbildungen im zahnmedizinischen Fachbereich, standen bei Kösters Unibesuchen im Vordergrund. Jetzt ist der vielfach beschäftigte Senior gern´auch in interdisziplinären Bereichen unterwegs, Wie gemacht für den 75-jährigen Studiosi sind die Ringvorlesungen. Themen wie „Demokratie“, „Familienleben“, widmen sich Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen. „Unheimlich spannend“ ging es da auch beim Thema „Staatsschutz“ zu. „Da kamen hochkarätige Leute, geschützt von Polizei, die aus dem Nähkästchen plauderten.“

Ein oder zwei Vormittage verbringen die Fünf in der Regel an der Uni. „In unserem Alter würden wir mehr doch auch gar nicht behalten“, ironisiert Helmut Lötters das späte Studienerlebnis.

Und wie klappt´s mit den Beziehungen zwischen jungen und alten Studenten? „Völlig entspannt“ empfindet Charly Köster das Generationenmiteinander in den Hörsälen. „Eine Vorlesung mit 500 Grauköpfen“ sei inzwischen ein gewohntes Bild. Und Roland Post sieht sich bestätigt durch eine Untersuchung an Münsters Universität, die belegt, dass die jungen Studenten die Beteiligung der älteren Semester in der Regel als Bereicherung ansehen. Zu Konflikten komme es nur dann, wenn Altstudenten die Plätze blockierten. Doch da zeigt das Grevener Studenten-Quintett Fingerspitzengefühl.

Auch in der Mensa blockieren die Grevener eher keine Plätze.

Ein Weinchen bei Nientied oder ein Häppchen bei Stuhlmacher stillen dann eher die körperlichen Bedürfnisse der wissbegierigen Fünf.

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