So., 19.03.2017

Szenen einer überalterten Ehe: Eine Achterbahnfahrt der Gedanken und Gefühle Abgestaubt und aufgeräumt

Das Duo Duo Litera-Musico beleuchtete das Innenleben einer so typischen Durchschnittsfrau mit Mann und Kind.

Das Duo Duo Litera-Musico beleuchtete das Innenleben einer so typischen Durchschnittsfrau mit Mann und Kind. Foto: slü

Greven - 

„Kennt ihr das? Man sucht etwas und bleibt dann an etwas ganz anderem hängen“, fragte „Felicitas“, alias Jule Vollmer ihre Zuhörer am Freitag in der Stadtbibliothek im Laufe der Hör-Spiel-Lesung „Aufgeräumt“ anlässlich des Frauentages.

Von Sandra Lüttmann

„Kennt ihr das? Man sucht etwas und bleibt dann an etwas ganz anderem hängen“, fragte „Felicitas“, alias Jule Vollmer ihre Zuhörer am Freitag in der Stadtbibliothek im Laufe der Hör-Spiel-Lesung „Aufgeräumt“ anlässlich des Frauentages. Ein zugestellter Dachboden, der in 23 Ehejahren mit Altem und möglicherweise irgendwann noch mal Nützlichem gefüllt wurde sowie eine einsame Mutter, die einem Sammelsurium an Erinnerungen und unerfüllten Hoffnungen begegnet. Diese Szenerie diente dem Duo Litera-Musico als Leinwand für ihre schlaglichtartige Collage, die das Leben – und vor allem Innenleben – einer so typischen Durchschnittsfrau mit Mann und Kind einfängt, dass selbst die Charakterin zugibt: „Ich glaube, dass meine Realität eine Aneinanderreihung von Klischees ist“.

Es beginnt mit dem 23. Hochzeitstag: Als Überraschung für den Ehemann hat Hausfrau Felicitas in stundenlanger Mühe ein vier-Gänge-Menü zubereitet und auch für die passende Dekoration von Esszimmer und Ehefrau gesorgt. Dann der Anruf, dass es mal wieder spät wird bei der Arbeit – „Kannste das Essen nicht kalt stellen?“ Wobei die Überstunden inoffiziell längst als Alibi für eine Affäre enttarnt sind, was sich die Protagonistin an dieser Stelle aber noch nicht eingestehen möchte. Die unorganisierte Traumtänzerin und leicht konfuse Grinseschnute versucht ihre Enttäuschung mit praktischen Erledigungen zu überdecken: die Tochter, die für ein Jahr in Australien lebt, wollte ihre Wanderschuhe nachgesandt haben.

Auf dem Dachboden findet Felicitas alte Möbel, Kisten voller Deko-Artikeln, Bergen an auf Vorrat gekaufter Unterwäsche und einige sehr persönliche Erinnerungsstücke. Der Teddy der Tochter wird zu Therapiepuppe in einem Bauchrednerdialog, bei dem sich die Mutter in ihre Sorge um das so weit entfernte Kind hineinsteigert, bis sie es anruft: „Ach Mama!“

Die emotionsgeladenen Gedankenausflüge der Sammelwütigen präsentieren Alltagssituationen, in denen sich jeder im Publikum wiederfinden konnte, mal nostalgisch und liebevoll, mal voll enttäuschter Hoffnung und mit Selbstvorwürfen gespickt. Dabei gelingt es Jule Vollmer mit lakonischen Selbstkommentaren der Charakterin und gelungenen Darstellungen der inneren Dialoge, immer wieder herzliche Lacher hervor zu zaubern. Nur um mit der nächsten Szene oder dem nächsten Lied wieder für tiefe Rührung zu sorgen. „Ein Leben, das man aus dem Karton holt, ein Mosaik, das zu ordnen ist.“ fasst die Autorin ihr Stück zusammen. Die Frauenbilder der Nebencharaktere, die Unerfülltheit einer Mutter, die ihre Pflicht erfüllt hat und die Einsamkeit einer überalterten Ehe: Litera-Musica bot unterschwellig viel Stoff zum Nachdenken, verpackt in eine stille Achterbahnfahrt der Emotionen.



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