Do., 14.09.2017

Der Hexenpfad in Tecklenburg Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte

Tecklenburg - 

Im Münsterland lässt es sich gut wandern: durch die Bockholter Berge zum Beispiel, über Feldwege und Pättkes oder durch Heide- und Moorgebiete. Redakteure und Mitarbeiter der Westfälischen Nachrichten haben für Sie schöne Routen in ihren Verbreitungsgebieten erkundet. Heute: Der Hexenpfad in Tecklenburg.

Von Wilhelm Schmitte

Es ist kein Ritt auf dem Besen. Obwohl: Die Strecke von oben zu betrachten, keine Steigungen zu haben und gleichzeitig wie der Sausewind über Baumwipfel zu fegen, das wär‘s doch. Ach, egal. Auch so ist der gut fünf Kilometer lange Hexenpfad eine der schönsten Rundwanderrouten im Münsterland. Mystisch, sagenumwoben, schaurig, spannend. Nicht nur für Kinder eine tolle Erfahrung.

1997 hat Rainer Budke die Idee dazu. Damals ist der heute 68-Jährige an der Hauptschule Saerbeck tätig. Da er im Unterricht als kleiner Junge die von Lehrer Erich Zeller erzählten Tecklenburger Sagen regelrecht aufgesogen hat, möchte er das Wissen weitergeben. Bei einem Wandertag machen sich die jungen Leute von Saerbeck aus per Rad auf den Weg gen Norden – und sind auf Anhieb von der Strecke begeistert. „Das Symbol mit der reitenden Hexe habe ich selbst entworfen“, erinnert sich der Brochterbecker. Er pinselt es an Treppenstufen, Mauern und Bäume. 85 sind es. Noch heute schaut er regelmäßig nach, ob alles passt. Wie durch einen Zauber entwickelt sich das Ganze weiter.

Eine unglaubliche Erfolgsstory nimmt ihren Lauf. Budke sagt nicht ohne Stolz: „Es ist der meist belaufene Wanderweg im Kreis Steinfurt.“ Eine handliche Broschüre zur Welt der Märchen, Sagen und Spukgeschichten sowie Führungen machen das Ganze zu einer runden Sache. Ehefrau Hannelore gibt dann und wann die Kräuterhexe. Was ist für Rainer Budke das Glanzlicht der Tour? „Der Heidentempel mit Blutrinne.“ Neben der Wegbeschreibung mit fesselnden Sagen und Geschichten hat die Tecklenburger Buchhandlung Howe-Kienemann eine Ansichtskarte zum Hexenpfad herausgegeben. „Kinder lieben kleine Andenken“, fasst Kathrin Kienemann ihre Erfahrungen mit dem Angebot zusammen.

Jetzt aber die Schuhe geschnürt. Schnell noch einen Cappuccino im nördlichsten Bergstädtchen Deutschlands genießen und kurz die verwinkelten Gassen im Gegenlicht betrachten. Am Haus des Gastes weist eine stilisierte weiße Hexe auf grünem Grund – manchmal mit Schriftzug – den Weg. Husch, durch die Legge. Das gedrungene Torhaus ist einst Leinenprüfanstalt gewesen. Hoch geht’s zur östlichen Burgruine samt Krönchen (Picknick-Spot mit Panoramablick), ehe der runde Wierturm (Schlüssel im Haus des Gastes) aus Sandstein am Wegesrand grüßt. Die erste Hexenspur.

Dr. Johann Wier (1515 im holländischen Grave geboren und 1588 in Tecklenburg gestorben) lebt auf der damals noch intakten Burg und stemmt sich im 16. Jahrhundert vehement gegen Hexenverbrennungen. In Tecklenburg hat sich dieser Wahn zum Glück nie Bahn gebrochen. Das Engagement des Niederländers haben die Einwohner mit dem Bau des Turms gewürdigt. Von oben lässt sich bei klarer Sicht weit ins Osnabrücker Bergland und ins Münsterland schauen. Einfach eindrucksvoll.

Rechts bleibt der Weinberg mit seinen 100 Rebstöcken liegen. Wer mag, kann später im Ort den roten Philosophen oder den weißen Burgberg kosten. Hinein in die Hexenküche, manchmal auch Teufelsklippen genannt. Es ist eine zerklüftete Felsformation. Hexen und Zauberer, so die Sage, spuken nachts in einer Höhle. Standesgemäß „reisen“ sie auf dem Besen an, brauen einen Zaubertrank, tanzen und feiern ausgelassen. Unerwünschte Zaungäste soll der Tod ereilen.

Irgendwann hört der Tecklenburger Graf um Mitternacht Donnergepolter, schaut nach – und sinkt ohnmächtig zu Boden. Diener halten den Edelmann für tot und tragen ihn zurück zur Burg. Seine Frau geht in der folgenden Nacht – weiß gewandet – mit einem Kruzifix in der Hand zum Ort des Geschehens. Aus einem Spalt steigt der Teufel empor, will sie greifen. Gebete und das Kreuz schrecken den schwarzen Gesellen ab. Er stampft wütend mit dem Fuß auf Stein. Der Abdruck – Teufelstritt – ist da. Der Herrscher der Unterwelt stürzt sich heulend in die Tiefe. Der Graf wacht auf. Ob‘s so gewesen ist? Achtung: Bei Nässe sind die Steine rutschig.

Genug der schaurigen Geschichte. Vom Parkplatz „Münsterlandblick“ aus sind am Horizont die Westfalenmetropole und die Baumberge auszumachen. Über lauschige Waldwege wird Roelants Grab erreicht. Handwerker haben die fast quadratische Kammer in den Felsen gehauen. Bis vor einem Jahrhundert hat dort die Familie Roelant vom Gut Hülshoff ihre Liebsten bestattet. Die Haken einer schweren Eisentür zeugen davon.

Der ein wenig entfernte Heidentempel, ebenfalls eine Gesteinsformation, soll eine Opferstätte gewesen sein. Vor mehr als 1000 Jahren bringen dort Nichtchristen ihren Göttern Tieropfer. Zwei in die Felswand getriebene Nischen erinnern an die blutrünstigen Rituale.

Der Hermannsweg führt zurück ins Burgstädtchen. Mit traumhaften Aus- und Einblicken in die Stadt- und Erdgeschichte. Vorbei an blühenden Sommerwiesen kündigt sich der historische Marktplatz an.

Ein Zauberbesen ist für diesen Ausflug in den Teutoburger Wald nicht nötig. Stramme Waden und trainierte Füße tun‘s auch.



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