Fr., 03.11.2017

Stolpersteine – die ersten in Greven Drei Steine für fast Vergessene

Mitten in der Stadt drei Steine, die nicht die Füße, sondern Herz und Geist zum Stolpern bringen sollen. Gunter Demnig und Bauhofmitarbeiter verlegen die handgefertigten „Stolpersteine“ dort, wo sich die Marktstraße zum Platz weitet.

Mitten in der Stadt drei Steine, die nicht die Füße, sondern Herz und Geist zum Stolpern bringen sollen. Gunter Demnig und Bauhofmitarbeiter verlegen die handgefertigten „Stolpersteine“ dort, wo sich die Marktstraße zum Platz weitet.

Greven - 

Stolpersteine am Marktplatz erinnern seit Freitag an zwei polnische Opfer des Nazi-Terrors auf Grevens Marktplatz.

Von Monika Gerharz

Ermordete polnische Zwangsarbeiter? In Greven? Nie gehört. Eine solche Behauptung ist seit Freitag unmöglich. Denn jetzt „stolpert“ man regelrecht über die Erinnerung daran. Drei Platten aus Messing mitten auf der Marktstraße berichten davon, dass Franciszek Banas und Waclaw Ceglewski in dieser Stadt erhängt worden sind. Ihr Verbrechen? Sie hatten mit deutschen Mädchen „Umgang“. „Das musste nicht einmal sexuell sein“, sagte Bürgermeister Peter Vennemeyer in seiner Ansprache. Eine Freundlichkeit genügte. „Wahrscheinlich wussten die jungen Männer gar nicht, warum sie erhängt worden sind.“

Fotostrecke: Stolperstein-Projekt

Wie berichtet, haben sich die Azubis der Stadtverwaltung dafür stark gemacht, dass der Künstler Gunter Demnig in Greven solche Stolpersteine zur Erinnerung an die Ermordeten verlegen kann. Verwaltung und Rat hatten zugestimmt. Am Freitag nun war Demnig angereist. Unterstützt von Mitarbeitern des Bauhofs öffnete er auf der Marktstraße die Pflasterdecke und brachte die Platten an – zwei mit den Namen und Lebensdaten der Getöteten, eine mit knappen Hinweisen, wie sie zu Tode gekommen sind. Demnig hat schon zigtausende solcher Platten installiert, auch für polnische Zwangsarbeiter. „Manchmal wurden sie einfach an einer Laterne aufgehängt“, weiß er.

Beim Gedenkakt war auch der polnische Konsul in Köln, Andrzej Dudzinski, dabei. Er war von Christoph Leclaire eingeladen worden, der mit seinen Forschungen Banas und Ceglewski dem Vergessen entrissen hat. „Solche Stolpersteine zeigen die Einzelschicksale. Sie machen, anders als große Zahlen, Geschichte spürbar“, ist der Konsul überzeugt, dass das Projekt ein wichtiger Beitrag für eine „Mahnkultur“ sei. Das sieht auch der Bürgermeister so. „Ich wünsche mir, dass das Mitgefühl für diese Ermordeten für heutiges Unrecht zu sensibilisieren vermag“, sagte Vennemeyer, als Sven Teichmann und Niklas Bieling, beide Rettungssanitäter in Ausbildung bei der Stadt, weiße Rosen an den neuen Stolpersteinen niederlegten.

Kommentar: Mut zum Stolpern

Stolpersteine? Zur Erinnerung an ein Unrecht, das bald 70 Jahre her ist? Braucht man die noch? Monika Gerharz sagt ihre Meinung dazu. Man braucht sie, mehr denn je. Überall auf der Welt lässt sich besichtigen, wie schnell demokratische Verhältnisse in Unmenschlichkeit umschlagen. Die Messingtafeln auf dem Marktplatz sind Mahnung, dass dies auch hierzulande passieren kann. Sie lassen „Kopf und Herzen stolpern“, wie es einmal ausgedrückt wurde. Nur wer geistig stolpert, wer nicht alles ungefragt hinnimmt, bleibt im Stress des Alltags sensibel für Unrecht, für Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit, für autoritäre Entwicklungen. Dass sich die Azubis der Stadtverwaltung der Aufgabe gestellt haben, Greven zu seinen ersten Stolpersteinen zu verhelfen, macht Hoffnung, sind die jungen Leute doch die künftigen Verantwortungsträger. Ihre Ehrenamtsaktion beweist wieder einmal: Man kann der jungen Generation die Geschicke der Stadt getrost anvertrauen – sie trauen sich zu stolpern.



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