Mi., 08.11.2017

„Crash-Kurs“ für künftige Autofahrer Nicht Cobra 11, sondern Realität

Notfallmediziner Dr. Michael Micke informiert die Schüler über die Folgen von Unfällen – so glimpflich wie im Fernsehen gehen reale Unfälle selten aus.

Notfallmediziner Dr. Michael Micke informiert die Schüler über die Folgen von Unfällen – so glimpflich wie im Fernsehen gehen reale Unfälle selten aus. Foto: Oliver Hengst

Greven - 

Mit einem „Crash-Kurs“mit schonungsloser Offenheit hat die Polizei auch in diesem Jahr Zehntklässler – und damit künftige Autofahrer – emotional zu erreichen versucht. Verantwortungsbewusstsein statt Coolness, hieß die Devise. Nicht alle waren den blutigen Bildern gewachsen.

Von Oliver Hengst

„Das ist nicht Cobra 11. Das ist die Realität“, sagt Dr. Michael Micke und drückt auf einen Knopf. Auf der Leinwand erscheint das Foto einer gerissenen Leber. Kurz darauf ein Milzriss. Ein zerfetztes Bein. Offene Wunden. Viel Blut. Und noch mehr Aufnahmen, die schwer auszuhalten sind. Nicht allen Schülern gelingt es, die Fassung zu wahren. Einige müssen das Ballenlager verlassen. Vielleicht auch, weil sie an einen Angehörigen oder einen Freund erinnert werden, der bei einem Unfall Schaden erlitt, vielleicht sogar starb.

Bei Cobra 11 steigen die Helden nach einem mehrfachen Überschlag aus ihrem Auto aus, als sei nichts gewesen. In der Realität nicht. Notfallmediziner Dr. Micke kennt diese Realität nur zu gut. Ungezählte Mal wurde er zu Unfällen gerufen, musste blutende Körper versorgen, vor Schmerzen wimmernden Menschen helfen – wenn sie Glück hatten. Denn oft, zu oft, kommt jede Hilfe zu spät. „Ich habe schon viel zu viel erlebt. Diese Taschen“, sagt er und zeigt auf seine Jacke in orangefarbener Leuchtfarbe, „diese Taschen sind voller Erinnerungen“.

Weil Unfälle nicht passieren, sondern verursacht werden, sind viele auch vermeidbar, lautete die Botschaft des „Crash-Kurses“, zu dem die Polizei am Dienstag rund 300 Grevener Zehntklässler ins Ballenlager eingeladen hatte. Mit einer bewusst emotionalen Ansprache und schonungsloser Offenheit versuchten die Beteiligten, die stets auf Coolness bedachten Jugendlichen (aus denen bald Zeit Fahranfänger werden) an ihre eigene Verantwortung zu erinnern: für sich selbst und für mögliche Beifahrer.

Der Rat von Polizeihauptkommissar Ludwig Schmitt: Vor der Party klären, wer fährt und deshalb nüchtern bleibt. Hält sich derjenige nicht an die Abmachung: „Nehmt ihm den Schlüssel weg.“ Und wenn man als Beifahrer erst während der Rückfahrt merkt, dass der Fahrer entgegen der Absprache doch getrunken hat, hilft nur: aussteigen, egal wo. „Das erfordert natürlich etwas Mut. Aber dieser Mut wird belohnt, indem ihr nicht vor dem Baum landet.“ Da heute jeder junge Mensch ein Handy habe, könne die Aufforderung nur lauten, es auch zu nutzen – und notfalls mitten in der Nacht die Eltern anzurufen. „Ich bin sicher, die holen euch ab.“ Lieber jedenfalls, als die eigenen Kinder am Tag darauf im Krankenhaus oder gar dem Leichenschauhaus aufsuchen zu müssen.

Unfallopfer haben Namen, und beim „Crash-Kurs“ wurden sie auch genannt. Genau wie das große Leid, das Unfälle über Familien bringen können, die Probleme, die Ärzte, Sanitäter, Polizisten haben, wenn sie immer wieder zu Unfällen gerufen werden und frustriert feststellen müssen, dass wieder einige die Ratschläge nicht beachtet haben – und nun auf brutale Weise die Folgen zu spüren bekommen. Viel zu vielen 18- bis 24-Jährigen geht es so. „Die Wahrscheinlichkeit, dass einer von Euch hier im Raum nicht 24 Jahre alt wird, ist leider sehr hoch“, gibt Schmitt den Schülern mit auf den Weg.



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5274742?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F