So., 31.12.2017

Wachstum mit Grenzen Peter Vennemeyer über die Entwicklung der Stadt / Wichtiges Projekt ist die Rathaussanierung

Bürgermeister Peter Vennemeyer ist mit dem zurückliegenden Jahr zufrieden.

Bürgermeister Peter Vennemeyer ist mit dem zurückliegenden Jahr zufrieden. Foto: Günter Benning

Es war ein Wachstumsjahr für Greven. Aber wie bei allem Wachstum – auch ein Jahr der Komplikationen. Mit Grevens Bürgermeister Peter Vennemeyer sprach unser Redaktionsleiter Günter Benning

Herr Vennemeyer, was war die größte Herausforderung in diesem Jahr?

Vennemeyer: Wir haben 400 neue Mitbürger hinzugewonnen. Das war schon ziemlich beeindruckend und fordernd – die Schulen und Kindergärten müssen ja dafür Kapazitäten haben.

Worauf führen Sie den Zuwachs zurück?

Vennemeyer: Einmal die Lage Grevens im Münsterland und an der Bahnlinie nach Münster. Dazu die Attraktivität der Stadt für Leute, die lieber in einer etwas behüteteren Umgebung wohnen wollen als in einer Großstadt.

Wenn man Neubürger fragt, warum sie kommen, ist die Antwort oft: Schulen, Krankenhaus, Autobahn, Bahn, FMO.

Vennemeyer: Ja, es ist zum Beispiel auch gut, dass das Krankenhaus seinen Standort ausbaut. Wir haben eine Infrastruktur, gerade im Bereich der Kinderbetreuung, die sicher fast Vorbildfunktion hat.

Sie merken gerade, dass die Verwaltung bei ihren Bauplänen an Grenzen gerät?

Vennemeyer: Wir haben einige Projekte dem Markt und der Realität anpassen müssen. Ein Grund ist, dass wir jemanden im Haus verloren haben, der als Projektleiter tätig war. Und zum anderen boomt die Konjunktur, die Unternehmen haben gut zu tun und nehmen nicht mehr alle Aufträge an. Das wird aber auf die Schulgestaltung selbst keinen Einfluss haben.

Das heißt, was jetzt verschoben wurde wie die Mensa der Gesamtschule kommt einfach später?

Vennemeyer: Es ist nichts liegengeblieben, es läuft weiter, und wir sind optimistisch, dass wir im neuen Zeitplan fertig werden.

Greven hat seit langer Zeit erstmals einen Haushalt, der einen Überschuss ausweist. Was ist das für ein Gefühl für den Bürgermeister?

Vennemeyer: Noch haben wir strukturelle Defizite, das wird ja aus den Zahlen der Vorjahre berechnet. Aber wir haben einen Überschuss von 1,7 Millionen Euro. Darauf ist das ganze Haus hier unheimlich stolz, weil wir dieses Ziel eigentlich erst 20/21 erreichen wollten. Das zeugt von der guten Zusammenarbeit zwischen Rat und Verwaltung und massiven Konsolidierungsmaßnahmen.

Also ist in der Verwaltung gespart worden?

Vennemeyer: Einsparungen plus zusätzlicher Einnahmen – das ergibt in den letzten zehn Jahren fast eine Summe von 60 Millionen Euro.

Findet im Rathaus ein Generationenwechsel statt? Greven hat den vermutlich jüngsten Kämmerer der Region.

Vennemeyer: Das ist so. Viele der Führungskräfte, die uns verlassen haben, sind in der Zeit der 50er und 60er Jahre eingestellt worden. Da findet ein Wechsel statt. Das Alter eines Kämmerers ist übrigens nicht maßgebend für seine Qualifikation – unserer macht einen Superjob.

Im kommenden Jahr sind etliche große Investitionen in Greven geplant. Eine davon ist die Sanierung des Rathauses. Wie dringend ist das?

Vennemeyer: Das Haus ist jetzt 43 Jahre in Funktion. Bisher wurden laufende Unterhaltungen gemacht, wenn was kaputt gegangen war. Auch neue Technik wurde integriert. Heute arbeitet man mit PC, das war beim Bau nicht der Fall. Seitdem ist weder an der Fassade noch an den Fenstern etwas gemacht worden, das sind ungedämmte Aluprofile. Wir haben ein ungedämmtes Gebäude, auch die sanitären Anlagen stammen aus den 60er-, 70er-Jahren. Wenn man etwas anfasst, werden die Schäden größer. Das letzte Problem war, dass es durchs Dach regnete – es muss etwas geschehen.

Zudem ist es ein denkmalgeschütztes Gebäude. Mancher mag das nicht ganz nachvollziehen, wie sehen Sie das?

Vennemeyer: Es ist ein Gebäude seiner Zeit – für Greven konzipiert. Der Sitzungstrakt öffnet sich zur Stadt hin. Es kommt dem Bürger entgegen, ein Sinnbild für die Demokratie. Ich glaube, dass man diesen Charakter erhalten soll. Man muss damit behutsam umgehen, aber man darf jetzt nicht unwirtschaftlich renovieren.

Nächstes Jahr stehen also die Baumaschinen vor der Tür?

Vennemeyer: Das glaube ich noch nicht. Nach den Bedarfsplanungen brauchen wir noch ein kleines Rathaus. Das sollte erst fertig sein, bevor wir hier an das Haus gehen, weil dann die Bauphase weniger kompliziert wird.

Hinter uns liegt ein Jahr des wirtschaftlichen Wachstum. Es wird viel gebaut. Wie bewerten Sie das?

Vennemeyer: Bauen zeugt immer von einer gewissen Dynamik. Greven hat sein Gesicht geändert, wir haben den Marktplatz fertiggestellt, den Niederort ebenso. Wir sind nicht mehr das kleine beschauliche Dorf von früher, das mögen manche bedauern. Wir sind ein Mittelzentrum geworden. Man muss dieses Wachstum aber steuern und es nicht unbegrenzt ausufern lassen, denn es hat auch Nachteile.

Man sieht das jedes Mal, wenn es um die Bebauung in der Innenstadt geht. Können Sie verstehen, warum Anwohner gegen Verdichtung protestieren?

Vennemeyer: Ich kenne das selbst. Ich sehe die Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits kommen neue Menschen in die Stadt. Andererseits wollen aber auch Grevener, die außerhalb der Kernstadt in großen Häusern wohnen, mehr in die Innenstadt und in kleinere Wohnungen ziehen. Innenverdichtung ist das erste Mittel der Wahl. Das gefällt nicht jedem. Veränderungen machen ja erst mal Angst. Da werden wir schauen müssen, dass wir uns besser aufstellen, die Dinge vorher mit der Nachbarschaft vernünftig kommunizieren. Das werden wir verbessern.

:

Fiege erweitert, im Airport-Park entstehen neue Betriebe. Welche Folgen hat das für die bislang eher schlechte Arbeitslosenstatistik für Greven?

Vennemeyer: Es ist immer zweischneidig. Es sind in den letzten zehn Jahren sehr viele Arbeitsplätze geschaffen worden. Trotzdem hängen wir, was die Zahl der Bedarfsgemeinschaften angeht, also der Hartz-4-Empfänger, am unteren Ende des Kreises Steinfurt. Das hängt mit unserer Lage zusammen, wir sind nicht mittendrin im Kreis. Es bleiben Menschen, die Probleme mit Tagesstrukturen haben, die müssen wir fördern – darauf werden wir unser Augenmerk richten.

Also trotz Fast-Vollbeschäftigung bleiben soziale Verlierer?

Vennemeyer: Wir können schon von Fachkräftemangel sprechen, das sehe ich auch im Rathaus, wir kriegen die Leute nicht so schnell, wie wir sie benötigen. Aber wir werden immer einen Teil in der Bevölkerung haben, der nicht in der Lage ist, diesen Arbeitsmarkt zu bedienen.

Sport spielt in Greven eine große Rolle. Im nächsten Jahr sollen zwei Vereine Kunstrasenplätzen bekommen. Das ist teilweise auf die lange Bank geschoben worden. Oder nicht?

Vennemeyer: Nein, wir sind in der Planung. Ich habe immer gesagt, wir fangen 2018 in Reckenfeld an, das werden wir auch tun. Wir verhandeln momentan mit dem Verein über die Art und Weise. Vielleicht gibt es ja auch ein völlig neues Modell. Bei der DJK ist das ähnlich, da bin ich guter Hoffnung, dass wir im nächsten Jahr zu einem guten Ergebnis kommen.

Ein Thema ist der geplante Abriss der St. Josefskirche. Wie sehr hängen Sie an dieser Kirche?

Vennemeyer: Ich bin evangelisch. Aber ich kann nachvollziehen, was die Kirche antreibt. Ich kann auch nachvollziehen, was die Menschen denken, die den Bezugspunkt brauchen. Aber schauen Sie sich das Pfarrheim an, es ist weder barrierefrei noch behindertengerecht, die sanitären Anlagen sind auch nicht toll. Jetzt hat man eine Lösung, die allen gerecht wird – mit einer kleinen Kirche. Das wird ein neuer Anlaufpunkt für die Gemeinde. Ich hoffe, dass diejenigen, die jetzt Unmut äußern, das als neue Heimat akzeptieren.

Wenn man als Fremder durch Greven geht, fällt auf, dass vieles Stückwerk ist. Viele Bereiche sind nicht vernetzt. Was ist Ihre Vision?

Vennemeyer: Die Stückelung hängt damit zusammen, dass Städtebauförderung in unterschiedlichen Zeitabständen kommt und wir sie entsprechend umgesetzt haben. Im nächsten Jahr soll die Planung für die Rathausstraße abgeschlossen werden. Das ist ein komplexes Thema, weil wir auf Geld aus verschiedenen Töpfen hoffen. Wir brauchen eine vernünftige Planung, die insbesondere Alte Münsterstraße und Marktstraße anbindet. Wenn da alles klappt, fangen wir 2019 an zu bauen.

Gerade haben Sie durchgesetzt, dass die Planungskosten für den Reckenfelder Ortskern erhöht werden. Sie wollen auf externe Kräfte zugreifen. Warum das?

Vennemeyer: Wir werden in Teilen externe Zuarbeit brauchen, die eventuell in einen Wettbewerb mündet. Damit wir da handlungsfähig bleiben, haben wir die Mittel erhöht.

Wie sehen Sie die Perspektiven für den Haltepunkt Reckenfeld?

Vennemeyer: Wir haben mehrfach bei der Bahn interveniert, dass am Haltepunkt der nicht mehr haltbare Zustand geändert wird, dass der Bahnsteig barrierefrei wird. Wir bleiben dran.

Ihre Perspektive für die nächsten fünf Jahre?

Vennemeyer: Ich würde mich freuen, wenn wir die Verkehrsprobleme lösen können. Und wenn die Rathausstraße fertig wird und wir mit den Schulen und Kindertagesstätten soweit sind, dass jeder einen Platz bekommen kann. Wir müssen es dringend schaffen, Wohnraum bereitzustellen.

Eine sportliche Frage. Wie sehen Sie die Chancen für Ihren Lieblingsverein, den 1 FC St. Pauli, in der nächsten Saison?

Vennemeyer: Es sind ja schon mehr Punkte gesammelt worden als in der letzten Saison. Aber die Mannschaft ruft nicht ihr Potenzial ab. Das mag daran liegen, dass ich nicht jedes Mal dabei bin.



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5388035?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F