Mi., 02.03.2016

Ein Stück Dorfgeschichte weniger Bretter, die ein Dorf belebten

Die alte Postkarte zeigt, wie das „Anno 1923“ einmal aussah. Hier spielte sich das kulturelle Leben ab. Dazu gehörten auch Schützenfeste (kl. Bild), der Karneval und vieles mehr. Einmal im Jahr war auch Kino angesagt.

Die alte Postkarte zeigt, wie das „Anno 1923“ einmal aussah. Hier spielte sich das kulturelle Leben ab. Dazu gehörten auch Schützenfeste (kl. Bild), der Karneval und vieles mehr. Einmal im Jahr war auch Kino angesagt. Foto: Heimatverein Laer

laer - 

Die Gaststätte Anno 1923 muss einer Wohnbebauung weichen. Hier pulsierte jahrzehntelang das kulturelle und gesellschaftliche leben im Ewaldidorf.

Von Angelika Weide

Ein Stück Geschichte Laerer Geschichte ist dem Erdboden gleichgemacht. Die Gaststätte Anno 1923 (früher Schwaning-Hüttemann) muss einer Wohnbebauung weichen (wir berichteten). Doch viele Ältere erinnern sich, so auch Angelika Weide, an die Gaststätte, die das Dorf einst belebte, besonders wenn Kino angesagt war:

„Was muss das für ein Lärm gewesen sein. Holzstühle auf Holzfußboden, klassenweise Kinder, Gelächter, Gerangel, Gedränge, wer kriegt den besten Platz. Freunde kämpften um das Zusammensitzen, Süßigkeiten wurden verteilt, Capri- Sonne geschlürft und dann? Dann ging es los. Ein leichtes Knattern, es beruhigte sich, der erste Lichtkegel wanderte langsam über eine Schar von Kinderköpfen hinweg zur Wand, die gegenüber der Bühne lag.

„Zwei Nasen tanken Super“ mit Mike Krüger und Thomas Gottschalk erschien in großen Lettern und für die Größeren im Anschluss „Dudu-ein Käfer geht aufs Ganze“. Filmvorführer Bomers von der Sparkasse war die einzige Person im Saal, die stand. Er hatte die Oberhand für das „Film ab“. Wenn sich einer nicht benahm,wurde der Film gestoppt. Denn das ging gar nicht, wenn in Laer schon mal Kino war. Und das war einmal im Jahr und zwar bei Schwaning-Hüttemann, immer am Weltspartag, der in den 70er und 80er Jahren noch zelebriert wurde. „Da gab man im Oktober die Spardose in der Bank ab und erhielt Eintrittskarten zur kostenlosen Kinovorstellung am 31. Oktober.“

Für uns Kinder war der Saal Kino, wo sonst Schützen- oder der Stephanusball stattfand, oder als Disco genutzt wurde, mit Sektbar. Dann hatte der Pächter die Bühne umgebaut und ein Separée geschaffen. In die Bar verzogen sich die, die eine Liaison anbahnten oder Paare, die Sekt und Wein in ruhiger Atmosphäre genießen wollten, während im Saal die Tanzfläche bebte und an der langen Theke Bier in Zehnereinheiten bestellt wurde.

In den letzten Jahren wurde es stiller in Laer, zumindest was die nächtlichen Klänge, den Puls des markanten Hauses Ecke Hohe Straße/Bachstraße betraf. Keine Schlager mehr, wenn Hochzeitsgäste bis in die frühen Morgenstunden das Tanzbein schwangen oder die Nachbarn mit weißen, silbernen oder goldenen Rosen, mit Leitern und Schnäpsken den Gehweg blockierten, um die Eingänge zu schmücken.

Viele Laerer Bürger entdeckten hier ihr Talent als Büttenredner an Karneval, bei plattdeutschen Theaterstücken oder per Sketch auf der Jahresversammlung der Kfd. Die Zeitungen und Dorfgespräche zeugten von dem Unterhaltungswert, dass dieses vielseitige, kreative und selbst gemachte Kulturprogramm erzielte. Die Zeiten ändern sich. Die Fassade von Anno 1923 bleibt, kann Denkmal werden, ihr Gesicht hatte ja schon Falten. So das zugemauerte Hoftor eines Bauernhofes, der Schriftzug „Hotel“, eine hauseigene Heißmangel, eine Kegelbahn. Sie regen an zum Plaudern, zum Beispiel von der Erstversorgung der Flüchtlinge 1946, der Notversorgung nach dem Stromausfall, von Kleintiermärkten, Jahresversammlungen und vieles mehr. Mich wird das Anno 1923 immer erinnern an meinen ersten Kinobesuch und Auftritt beim Kinderkarneval mit ganz viel Lampenfieber.“

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