Do., 02.11.2017

Ein besonderes Schicksal „Er arbeitet immer sehr genau“

Die Näherinnen der Firma Hölscher in Leer sind froh, dass sie mit Mohammed Reza Rezai einen gelernten Schneider in ihren Reihen haben und von ihm noch was lernen können.

Die Näherinnen der Firma Hölscher in Leer sind froh, dass sie mit Mohammed Reza Rezai einen gelernten Schneider in ihren Reihen haben und von ihm noch was lernen können.

Horstmar-Leer - 

Mohammed Reza Rezai arbeitet seit Juni 2017 in der Seilerei Hölscher in Leer. Der 35-jährige Mann aus Afghanistan ist bei seinen Kollegen sehr beliebt, da er sehr fleißig und genau ist. Zudem hat er das Schneiderhandwerk von der Pike auf gelernt und kann den Näherinnen bei ihrer Arbeit helfen. Mit einem Sprachkursus beim Verein „Lernen fördern“ im Oktober 2016 wurde ihm der Weg in den hiesigen Arbeitsmarkt eröffnet.

„Er arbeitet immer sehr genau“, sagt Tatjana Krass bewundernd über ihren Kollegen Mohammed Reza Rezai. Sie steht in der geschäftigen Produktionshalle der Firma Hölscher in Leer und ist nicht die einzige, die ihn lobt. Beate Lange­bröker, Personalleiterin von der Firma Hölscher, nickt zustimmend und auch Ulrike Langner als Produktionsleiterin gesellt sich gerne dazu, wenn es darum geht, für Mohammed ein gutes Wort einzulegen.

Für einen kurzen Moment kommen alle Näherinnen für ein Gruppenfoto mit Mohammed zusammen. Zusammenarbeit und Rückhalt kann sich besser nicht ausdrücken.

Angefangen mit einer traditionellen Seilerei, gegründet von Gerhard J. Hölscher im Jahr 1889, ist das Unternehmen in zwei Sparten gegliedert: Die industrielle Seilerei sowie die Herstellung von Pferde- und Hundesportartikeln. Auf einer Fläche von 10 000 Quadratmetern sind rund 90 Mitarbeiter im Einsatz. Einer von ihnen ist Mohammed. Über sein Schicksal berichtet Detlef Bolte vom Verein „Lernen fördern“, bei dem der Afghane einen Sprachkursus absolviert hat.

Der 35-Jährige arbeitet seit Juni 2017 bei Hölscher. Er kommt aus der Provinz Maidan Wardag in Afghanistan und hat dort das Schneiderhandwerk gelernt und später in der Herrenoberbekleidung in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, gearbeitet. Insgesamt ist er seit 13 Jahren als Schneider tätig, er war in diesem Handwerk auch drei Jahre im Iran und zwei Jahre in der Türkei aktiv, bevor er 2015 nach Deutschland gekommen ist.

Die Reise durch die verschiedenen Länder hat Mohammed aber nicht freiwillig angetreten. Er erzählt vom andauernden Krieg, den schwierigen Lebensumständen und seiner Verfolgung als Angehöriger der Volksgruppe der Hazara.

Die Hazara sprechen persisch und sind größtenteils schiitischen Glaubens und mongolischer Abstammung. Sie stellen etwa neun Prozent der Bevölkerung. Aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit wurden und werden sie in Afghanistan verfolgt und gezielt getötet. Ein Erlebnis hat ihn dann endgültig zur Flucht getrieben: Als er an einem Morgen zur Arbeit wollte und die Straße entlang lief, explodierte nicht weit von ihm entfernt eine Autobombe. Er hatte Glück, wurde nicht verletzt aber sein Entschluss, aus diesen Verhältnissen zu fliehen, war damit endgültig getroffen.

In dem Moment, als Mohammed davon erzählt, ist das alles wieder ganz nah. Man spürt die Emotionen, die Mohammed mit dieser Erinnerung verbindet. Nach seiner Ankunft in Deutschland im Mai 2015, berichtet er, ist er direkt nach Borghorst gekommen. Er bemühte sich sofort um Arbeit und das Erlernen der deutschen Sprache und wurde im Oktober 2016 einem Sprach­kursus beim „Lernen fördern“ in Steinfurt zugewiesen. Dieser Basissprachkursus führte ihn innerhalb von 300 Unterrichtsstunden bis Ende Dezember 2016 zum Sprachniveau A1.

Damit war es für ihn möglich, ab Januar 2017 an einer Maßnahme der Agentur für Arbeit teilzunehmen, die sein Sprachniveau weiter verbesserte, sich um seiner berufliche Orientierung und um die Vermittlung in Arbeit kümmerte. Die Rückmeldungen aus der Werkstatt waren gut, und bescheinigtem ihm sehr gute Feinmotorik und sehr gutes Geschick im Handwerk. Ab Mai 2017 konnte er dann ein Praktikum bei Hölscher absolvieren und im Juni hat er dort einen Vollzeitarbeitsplatz erhalten.

Seine Kollegin Tumischa Exler freut sich: „In Deutschland werden ja keine Näherinnen und Näher mehr ausgebildet. Wir sind froh, dass wir etwas von Mohammed lernen können.“ Der Angesprochene tut sich mit solchem Lob ein bisschen schwer, ist eher der zurückhaltende Typ, der keinen großen Aufwand um sich macht. Was er aber auf jeden Fall will, ist seine Sprache weiter verbessern und noch besser in Deutschland ankommen.



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