So., 12.10.2014

„Lulu“ als Tanztheater in Münsters Großem Haus Verführerin und Opfer

Lulu (Elizabeth Towles) findet auch im muskulös-eitlen Rodrigo Quast (Vladimir de Freitas Rosa) keineswegs den passenden Mann.

Lulu (Elizabeth Towles) findet auch im muskulös-eitlen Rodrigo Quast (Vladimir de Freitas Rosa) keineswegs den passenden Mann. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Nach nicht mal einer Stunde sind drei Männer tot. Der erste, ein greiser Medizinalrat, bricht zusammen, als er seine junge Frau bei einem Künstler erwischt. Der wiederum erhängt sich, weil die Geliebte ihm nicht treu ist. Und Mann Nr. 3, Chefredakteur Dr. Schön, stirbt im Kampf mit dem eigenen Sohn um die begehrte Frau, die er für seinen Besitz hielt: Lulu.

Von unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Frank Wedekinds „Monstretragödie“ um die todbringende Lulu, die selbst Opfer ist und schließlich ermordet wird, ist jetzt in Münster als Tanzstück zu bestaunen. Und bietet vor allem im ersten Teil, bis zum Tod des Dr. Schön, faszinierend-spannendes Theater. Dem zweiten Teil, vom Gefängnis über das glamouröse Paris bis zum Untergang in London, fehlt ein wenig von der zwingenden Dramatik des Beginns.

Choreograf Hans Henning Paar setzt gleich zu Beginn, nachdem die Figuren sich vorgestellt haben, auf das Janusköpfige der Titelheldin: Während Lulu etwa in der Alban-Berg-Oper als Schlange präsentiert wird, hantiert bei Paar der schmierige Vater Schigolch (Erik Constantin) mit dem symbolträchtigen Apfel. Lulus vermeintlicher Gönner Dr. Schön (Adam Dembczynski) kommt im Tanz als Geistesverwandter des Professors Henry Higgins daher und verhökert seinen Schützling bald darauf an lauter schwarze Herren. Als wirklich Liebender erscheint zunächst nur der Künstler Herr Schwarz: Keelan Whitmore gibt ihm eine sinnlich-elegante Anmutung, und sein Tanz mit Priscilla Fiuza ist ein schönes Bild erotischer Kämpfe und Anziehungen.

Zu diesem Zeitpunkt agiert bereits die zweite von vier Lulu-Darstellerinnen auf der Bühne. Die Idee, für das Mädchen (Maria Bayarri Perez), die junge Frau (Priscilla Fiuza), die selbstbewusste Verführerin (Elizabeth Towles) und das Opfer (Anna Caviezel) vier Tänzerinnen einzusetzen, wirkt ebenso überzeugend wie Paars Strategie, sie in Kombinationen auftreten zulassen: In der Figur Lulu sind stets mehrere Aspekte präsent.

Was den Tanzabend ebenfalls bezwingend macht, ist gerade im ersten Teil die Musik. Kurt Weills mitreißende zweite Sinfonie und das Klavierkonzert von Viktor Ullmann werden vom Sinfonieorchester Münster im Bühnenhintergrund gespielt – souverän gesteuert von Thorsten Schmid-Kapfenburg und in den Rachmaninow-Wogen des Klavierkonzerts hinreißend gespielt von Elda Laro, die in der Gefängnisszene des zweiten Teils noch ein Dessau-Stück glitzern lässt. Besonders aber im ersten Teil sind Tanz und Musik so eng verwoben, dass man den Wunsch kaum auszusprechen wagt, diese Werke auch mal im Konzert zu hören.

Interessant, dass Hans Henning Paar dem ernsten Stoff auch humoristische Momente abgewinnt. Dazu gehören neben eher schlichten Witzen wie der Bettelei des Schigolch die karikierenden Rollenporträts von Vladimir de Freitas Rosa als eitler Muskelmann und Alexander Bolk als verklemmter Student. Auch das Pariser Revue-Tänzchen ist putzig, die anschließende „Reise nach Jerusalem“ vergleichsweise plump. Die lesbische Liebende Gräfin Geschwitz mit ihren verzweifelten Verrenkungen hingegen und Schöns Sohn Alwa (Agnès Girard und Jason Franklin) lassen die Tragik der Nebenfiguren Gestalt werden. Dass der Frauenmörder Jack the Ripper (Tommaso Balbo) einen Nosferatu-Schatten wirft, ist ein hübscher-gruseliger Rand-Aspekt.

Hans Henning Paars Tanzabend bietet die Gelegenheit, ein bekanntes, aber nicht zu oft gespieltes Stück neu zu entdecken. Und das abschließende Orchesterstück von Friedrich Cerha, der einst Bergs „Lulu“-Oper“ vollendet hat, ist auch großartig.

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Nächste Aufführungen: 18. und 24. Oktober, 2. und 7. November, Karten: ✆ 0251/ 59 09 100 



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