Mo., 10.11.2014

Brandserien-Prozess: Neue Sachverständige sagt vor Landgericht aus „Habe ich einen Schaden, oder bin ich ein normaler Mensch?“

Münster - 

Wie schuldfähig ist der wegen Auto-Brandstiftung in mehreren Fällen angeklagte Samer S.? Um diese Frage ging es am Montag vor dem Landgericht Münster – nicht zum ersten Mal.

Von Miriam Milbradt

Nachdem ein Gutachter im August den am Landgericht Angeklagten als „voll schuldfähig“ bezeichnet und darüber hinaus eine sogenannte dissoziale Persönlichkeitsstörung festgestellt hatte, hat die Verteidigung ein neues psychiatrisches Gutachten beantragt.

Insbesondere über den Drogenkonsum des Angeklagten äußerte sich die neue Sachverständige am Montag am Landgericht: Sein über den ganzen Tag andauernder Cannabiskonsum sei als Abhängigkeit einzustufen, erklärte sie. „Eine wesentliche Beeinträchtigung seines Lebens“ sei damit jedoch nicht verbunden gewesen. Der zwei bis drei Mal in der Woche übliche Kokainkonsum auf abendlichen Partys sei nicht als „Abhängigkeit“ einzustufen, so die Sachverständige weiter.

Ob der Drogenkonsum und auch die Nutzung mehrerer Substanzen zusammen die Taten noch zulasse, fragten die zuständigen Richter die Zeugin. „Es ist möglich, dass die Steuerungsfähigkeit beeinflusst war“, erklärte die Psychiaterin. Jedoch sei ein Urteil über die Schuldfähigkeit „schwer zu erörtern“, da es auf den Drogenkonsum am jeweiligen Tag sowie auf die Dosierung und Mischung der verschiedenen Substanzen ankomme. Auf Nachfrage der Richter beschrieb sie die Wirkung von Kokain , das das Selbstbewusstsein und die Risikofreude steigere.

Das Gutachten des ersten psychiatrischen Sachverständigen stellte bei Samer S. eine Impulskontrollstörung fest. Diese Behauptung wollte die neue Gutachterin nicht bestätigen: „Das ist für mich keine Erkrankung – eher ein Symptom. Wir sind alle unterschiedlich fähig, unsere Impulse zu steuern.“

Laut dem ersten Gutachter habe der Angeklagte eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Demnach handele er herzlos und ohne Empathie für andere Menschen: „Meiner Meinung nach ist das nicht ausreichend. Ich stufe ihn eher als infantil ein – ihm fehlt es an Reife“, so die neue Sachverständige am Montag. Auch eine pyromanische Neigung – wonach der Angeklagte von Feuer fasziniert wäre – bestätigte die Zeugin keinesfalls.

Nachdem viel über sein Innenleben diskutiert wurde, wollte Samer S. selbst ein Urteil von der Psychiaterin erhalten, mit der er sich im Oktober zu einem dreistündigen Gespräch getroffen hatte: „Habe ich einen Schaden, oder bin ich ein normaler Mensch?“ Die Gutachterin antwortete dem Angeklagten sofort: „Sie sollten Unterstützung bekommen, aber einen Schaden haben sie nicht.“ Voraussichtlich ab dem 18. November sollen die Plädoyers der Verteidigung und der Anklage folgen.



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