Mi., 19.11.2014

Urteil im Brandstifter-Prozess „Herrscher über die Angst“

Richter Hannes Pfeiffer verkündete am Dienstagnachmittag nach 40 Verhandlungstagen das Urteil.

Richter Hannes Pfeiffer verkündete am Dienstagnachmittag nach 40 Verhandlungstagen das Urteil. Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

Nach 40 Verhandlungstagen ist der Brandstifter-Prozess zu Ende gegangen. Der Hauptangeklagte muss für zehn Jahre hinter Gitter. Sein Verteidiger hatte einen Freispruch gefordert.

Von Martin Kalitschke

Sein Verteidiger hat für Freispruch plädiert, der Staatsanwalt für neun Jahre Gefängnis. Dann der Paukenschlag: Wegen schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung muss Samer S. sogar für zehn Jahre ins Gefängnis.

Der Hauptangeklagte im Brandstifter-Prozess nimmt das überraschend harte Urteil mit versteinerter Miene auf. Dass nichts aus dem Freispruch wird, hatte er wohl schon geahnt, als er am Dienstagnachmittag den Sitzungssaal des Landgerichts zur Urteilsverkündung betrat. Knapp ein Dutzend bewaffneter Beamter erwartete S. und den Mitangeklagten Dennis H. Der Vorsitzende Richter Hannes Pfeiffer hatte sie bestellt, um im Falle des Falles einzugreifen. „Ein ungewöhnlicher Schritt“, betont der Sprecher des Landgerichts.

Mit dem Urteil geht „eines der schwierigsten Brandverfahren der letzten Jahre zu Ende“, sagt Pfeiffer. An 40 Verhandlungstagen waren 230 Zeugen vernommen worden. „Der enge Indizienring hat sich geschlossen“, ist der Richter überzeugt. Eindeutige Beweise kamen bei dem Mammut-Prozess nicht auf den Tisch, wohl aber zahllose Hinweise, die sich schließlich so verdichteten, dass es für das Gericht keinen Zweifel mehr gab, dass Samer S. und Dennis H. für die Brandserie vom Sommer 2013 mitverantwortlich waren. Nach Einschätzung des Gerichts hat S. 13 Brände gelegt, H. muss wegen zwei Brandstiftungen für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis.

Die Lebenssituation des auf seine Abschiebung nach Jordanien wartenden Intensivstraftäters Samer S. und eine „Lust am Nervenkitzel“ macht der Richter als Motive für dessen Verbrechen aus. Samer S. habe ein regelrechte „Vergnügen“ empfunden, Brände zu legen, die Polizei anzulocken und dann den Gesetzeshütern zu entkommen. Seine kriminelle Energie habe „rechtsverachtende“ Ausmaße. Bei der Suche nach den Motiven von Dennis H., der sich zum Zeitpunkt der Taten in einer Beziehung befand und einer Arbeit nachging, muss der Richter hingegen passen.

„Schwierig“ sei die Wahrheitsfindung gewesen, betont Pfeiffer. Einige Zeugen hatten sich nach seiner Einschätzung abgesprochen, was sie aussagen, er verweist zudem darauf, dass Freundinnen von Samer S. nach dessen Festnahme im November 2013 einen Brand legten, um von dessen Täterschaft abzulenken. Die Frauen müssen sich am heutigen Mittwoch vor dem Amtsgericht verantworten.

Noch kurz vor Verkündigung des Urteils schien der Ausgang des Prozesses offen. „Sie haben sich zum Herrscher über die Angst in Münster gemacht“, warf der Staatsanwalt Samer S. in seinem Plädoyer vor. Und zu dessen Drogensucht merkte er an: „Es war egal, ob sie gekokst haben oder nicht, sie haben immer Autos in Brand gesteckt.“

Der Verteidiger sah hingegen „keinerlei Hinweise“, dass Samer S. die ihm vorgeworfenen Brände gelegt haben soll. „Ganz großes Unrecht“ wäre es, S. wegen „Allgemein-Überlegungen“ zu verurteilen, warnte er. Ob die Verteidiger eine Revision des Urteils beantragen, war zunächst unklar.

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