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Sa., 16.01.2016

Party-Time im Theater Bedrohliche Selbstgefälligkeit

Küsschen, Küsschen: In Harold Pinters „Party-Time“ vergnügt sich eine Gesellschaft. Sie schottet sich gegen Bedrohungen ab, die außerhalb ihrer Kreise stattfinden – hier (v.l.) Bálint Tóth, Johanna Marx und Christoph Rinke.

Küsschen, Küsschen: In Harold Pinters „Party-Time“ vergnügt sich eine Gesellschaft. Sie schottet sich gegen Bedrohungen ab, die außerhalb ihrer Kreise stattfinden – hier (v.l.) Bálint Tóth, Johanna Marx und Christoph Rinke. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Ein neunköpfiges Ensemble des Theaters Münster spielt Herold Pinters „Party-Time“. Der Einakter des britischen Nobelpreisträgers thematisiert die Gedankenlosigkeit und Selbstgefälligkeit der herrschenden Gesellschaft.

Von Helmut Jasny

„Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, / Weiße, höfliche Manschetten, / Sanfte Reden, Embrassieren – / Ach, wenn sie nur Herzen hätten!“ Das schrieb Heinrich Heine 1824 in der „Harzreise“. Und wenn man die Schauspieler in Herold Pinters „Party-Time“ betrachtet, kommen einem diese Zeilen unweigerlich in den Sinn. In dem Einakter des britischen Nobelpreisträgers geht es um eine selbstgefällige Gesellschaft, die ihren Hedonismus auslebt, während die Welt um sie herum im Chaos versinkt. 1991 wurde das Stück in London uraufgeführt. Am Donnerstag hatte es im Theatertreff Premiere.

Unter der Regie von Michael Letmathe agiert ein neunköpfiges Ensemble, das sich gegenseitig Honig ums Maul schmiert. Es wird getrunken und geflirtet, von exklusiven Clubs ist die Rede und von der Schönheit weich fließender Kleider. Und als ein neuer Gast kommt und von verwüsteten Straßen und patrouillierenden Soldaten berichtet,  scheint das niemanden zu stören. Nur einmal macht sich eine Frau Sorgen um ihren Bruder. „Was ist mit Jimmy passiert?“, fragt sie, wird aber schnell wieder ins Party-Geschehen hineingezogen.

Was genau draußen vorgefallen ist, wird der Zuschauer bis zum Ende des Stückes nicht mehr erfahren. Dafür bekommt er die Ignoranz einer herrschenden Klasse vorgeführt, die sich abzuschotten versucht gegenüber dem Leid derer, die Opfer ihres Machtstrebens geworden sind. Und er wird Teil dieser Gesellschaft, weil die Schauspieler direkt neben und um ihn herum agieren. Zusammen mit den Protagonisten spürt er die Unruhe, die sich allmählich breit macht und die sich durch Champagner und aufgesetzte Fröhlichkeit nur noch notdürftig überspielen lässt.

Die Aufführung dauert nur 45 Minuten. Trotzdem sagt sie viel aus über die Mechanismen, mit denen eine besser gestellte Bevölkerungsschicht versucht, sich ihre Privilegien zu bewahren. Wegschauen ist eine Methode, die Grenzen dicht machen eine andere. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass beides auf Dauer nicht funktionieren kann. Als schließlich der eingangs schon erwähnte Jimmy auftaucht und vom Dunkel kündet, das draußen herrscht, fällt auch bei der Party-Gesellschaft die mühsam errichtete Fassade in sich zusammen.

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Die nächste Vorstellung ist am 13. Februar um 22 Uhr im Theatertreff, Neubrückenstraße. Karten gibt es an der Theaterkasse unter ✆ 5 90 91 00 oder online. 



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