Do., 21.01.2016

„Bodytalk“ provoziert mit „America’s next president“ Chlorhühnchen mit Ekel-Garantie

Martialisch gingen die Tänzer von „Bodytalk“ zu Werke in ihrer Show „America’s next president“.

Martialisch gingen die Tänzer von „Bodytalk“ zu Werke in ihrer Show „America’s next president“. Foto: Matthias Weber

Münster - 

Das Köln-Bonner Label „bodytalk“ unter der Leitung von Yoshiko Waki und Rolf Baumgart zeigte im Pumpenhaus seine provokante Tanz-Performance „America’s next president“ - nackten Hintern und Vergewaltigung inklusive . . .

Von Isabell Steinböck

Der Theaterraum hat etwas von einem Varieté: Das Publikum sitzt an kleinen Tischen, während sich eine Tänzerin im Indianerlook auf der Bühne weit zurückbiegt und ihr schönes Gesicht zu Fratzen verzieht. Ein smarter, singender Tänzer in schwarzem Anzug geht durch die Zuschauerreihen des Pumpenhauses, schüttelt Hände, stellt sich vor. „Ich bin Octavio Campos, Amerikas nächster Präsident.“ Die Zuschauer ahnen es schon: Wer vorne sitzt, wird Teil des Geschehens.

Prompt werden Dollarscheine als sogenannte Green Cards verteilt, und damit auch jeder weiß, womit er zu rechnen hat, stellt Campos klar: „Das ist Mitmach-Theater.“ Bald findet sich das Publikum im Rampenlicht wieder; Arme schwingen mit ausgestreckten Mittelfingern über den Köpfen, Geld wird zerstört. Kapitalismuskritik kommt hier als – ungewollter – Selbsterfahrungstrip daher. Entsprechend zäh gestaltet sich der Verlauf dieser gut einstündigen Performance „America’s next president“. Wer Tanztheater auf Publikumsbeteiligung baut, muss eben mit allem rechnen.

Das Köln-Bonner Label „bodytalk“ unter der Leitung von Yoshiko Waki und Rolf Baumgart ist in Münster als kritisches, kompromissloses Ensemble bekannt. Überzeugten die Künstler in der Vergangenheit durch intelligente Arbeiten, sucht man in dieser gewollt-provokativ anmutenden Performance vergeblich nach einer packenden Aussage. Es geht um abgegriffene Klischees, etwa den US-Bürger als „Gutmenschen“ wie auch als Waffen liebenden Aggressor. Wer sich überreden lässt, erhält einen Schnellkursus am Gewehr und zielt auf einen Apple-Computer. Kritik an Krieg und Gewalt nimmt der Möchtegern-Präsident mit Betroffenheitsmine entgegen.

Als die Mitmach-Dramaturgie ausgereizt ist, verlegen sich die Performer auf Ekel mit transatlantischen „Chlorhühnchen“. Octavio Campos wird plötzlich persönlich und erzählt von seiner Ausgrenzung als schwuler, HIV-positiver Tänzer, während er seinen nackten Oberkörper mit den Tierkadavern abreibt oder sich das Fleisch über die Arme zieht, bis es fast zerfällt. Weshalb er danach seinen Gitarristen vergewaltigt, erschließt sich nicht. Anscheinend brauchte es noch einen nackten Hintern auf der Bühne.

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