Sa., 23.01.2016

366 Performances von Stephan Us Jeden Tag ein bisschen Nichts

Meditative Kracher mit Botschaft: „Jedes Mal, wenn ich aufwache, begreife ich, dass es leicht ist, nichts zu sein“ stand auf den Silvester-Raketen.

Meditative Kracher mit Botschaft: „Jedes Mal, wenn ich aufwache, begreife ich, dass es leicht ist, nichts zu sein“ stand auf den Silvester-Raketen. Foto: Stephan Us

Münster - 

Stephan Us hat sich als Künstler einem Kulturphänomen gestellt, das bis heute jede Vorstellung sprengt: der Leere, der Null, dem Nichts. Vor 15 Jahren begann seine Auseinandersetzung mit dem Nichts. Diese mündete vor zehn Jahren in das Herzstück: „Archiv des Nichts“. Das Archiv wurde im Januar 2006 das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie das „Archiv“ und seinen Künstler vor.

Von Gerhard H. Kock

Stephan Us hat sich als Künstler einem Kulturphänomen gestellt, das bis heute jede Vorstellung sprengt: der Leere, der Null, dem Nichts. Vor 15 Jahren begann seine Auseinandersetzung mit dem Nichts. Diese mündete vor zehn Jahren in das Herzstück: „Archiv des Nichts“. Das Archiv wurde im Januar 2006 das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie das „Archiv“ und seinen Künstler vor:

Das Jubiläum nimmt der münsterische Künstler zum Anlass für einen Marathon: In 366 täglichen Selbstversuchen, Performances, Interventionen oder Handlungen erforscht Us das Nichts und seine Verwandten wie die Stille, Leere, Abwesenheit oder Null – kurz die Leerstellen in den Systemen und trägt jene in die Welt, in den Alltag. Zu Neujahr schickte er zehn Raketen in den Himmel mit einem Satz des Argentiniers Antonio Porchia: „Jedes Mal, wenn ich aufwache, begreife ich, dass es leicht ist, nichts zu sein.“ Der Satz löst sich in Rauch auf.

Auf Facebook protokolliert Us seine Arbeiten unter der Adresse „Ich tue Nichts“ und ruft dort auch zu Aktionen auf: „Schweigt doch einfach mal auf Facebook für einen Tag!“. Oft erzeugt Stephan Us eine „Anwesenheit“, die in einer Art verschwindet, die nachdenklich stimmen kann. In den dürftigen Schnee schrieb er „Still“; dabei ist die Zeit, dass der Winter eine stille Zeit, eine Ruhezeit für Natur und Mensch war, lange vorbei. Oder er hinterfragt das Absolute des Nichts im sukzessiven Verschwinden: Das auf den Arm gepresste „Nichts kehrt zurück“ ver-„nichtete“ sich 157 Minuten lang selbst, bis die Haut wie vorher war.

Am Dreikönigstag schloss Us auf dem Hörster Friedhof seine Augen, bis ihn die nasse Kälte ins Sein zurückholte. Ein fast 2000 Jahre altes Zitat aus Senecas „Über die Muße“ fiel ihm dazu ein: „Wir sind es, die es mit der rastlosen Tätigkeit bis zum Tode so weit treiben, dass – wenn es irgend geht – nicht einmal der Tod selbst zur Mußezeit gehört.“ Am Dom entdeckte Us eine schwarze Platte. Das erinnerte den Künstler an monochrome Malerei von Malewitsch oder Yves Klein. Mit schwarzer Kohle schrieb Us einen Satz des kolumbianischen Denkers Nicolás Gómez Dávila darauf: „Das Nichts ist der Schatten Gottes.“

Die „Nichts“-Kunst von Stephan Us öffnet in jedem Fall Denk-Räume, Möglichkeiten über Quantitäten und Qualitäten von Sein, von Leben zu reflektieren. Das gesamte Spektrum menschlichen Denkens und Fühlens lässt sich über die existenzielle Denkfigur „Nichts“ und ihre begrifflichen Verwandten thematisieren. Nur das absolute „Nichts“ kann nicht existieren. Das gilt auch für den Künstler, der passenderweise am 16. Januar 50 Jahre alt wurde – am „Tag des Nichts“. Gefeiert hat er trotzdem . . .

 

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