Sa., 30.01.2016

WDR-3-Jazzfest in Münster Von den Indianern bis zu Catweazle

Münster - 

Der Jazz ist weder tot, noch riecht er merkwürdig, wie einst Frank Zappa spottete. Er ist in die Jahre gekommen und hat dabei eine weite Reise hinter sich gebracht: von den Bordellen Storyvilles bis in die Tempel der Hochkultur. Eines hat er dabei nicht: seine Intensität verloren.

Von Stefan Herkenrath

Eine Intensität, die alle Konzerte des ersten Abends des WDR-3-Jazzfestes einte, so unterschiedlich sie auch ansonsten waren. Zwei Big Bands hatten die Programmverantwortlichen um Bernd Hoffmann zwei kammermusikalisch besetzten Ensembles gegenübergestellt.

Den Auftakt im Kleinen Haus des Theaters Münster machte das Cologne Contemporary Jazz Orchestra unter der Leitung von Gabriel Pérez mit einer ambitionierten Auseinandersetzung mit der Welt der Guaraní-Indianer.

Ausgehend von deren erzählerischen und musikalischen Motiven, entwickelt der argentinische Arrangeur gemeinsam mit dem hervorragend besetzten und bestens aufeinander eingespielten Ensemble eine eigenständige Big-Band-Sprache. Zu deren Gelingen Luciano Biondini, Akkordeon, und Sängerin Sabeth Pérez ganz wesentlich beitrugen.

Weiter ging es im Großen Haus mit einem Grandseig-neur des europäischen Jazzpianos, Martial Solal. Inzwischen 88 Jahre alt, hat der Großmeister des europä-ischen Jazzpianos nichts von seiner Spielfreude, seinem Witz und seiner souveränen Beherrschung sowohl klassisch europäischer als auch jazzmusikalischer Ausdrucksformen verloren. Kongenial unterstützt von den Zwillingen François Moutin am Kontrabass und Louis Moutin am Schlag-zeug, dekonstruierte Solal jegliche musikalische Tradition, um sie dann, augenzwinkernd, in zum Teil rhythmisch aberwitzigen Konstruktionen wieder zusammenzusetzen. Dabei definierte vor allem François Moutin einen ganz neuen Standard für Bassisten im immer mal wieder tot gesagten und doch so überaus lebendigen Klaviertrio – mit seinem die melodischen Linien des Klaviers in den höchsten Lagen aufgreifenden, zugleich rhythmische und harmonische Bezugsrahmen in ihrer ganze Komplexität auslotenden Spiel.

Dass das Zürich Jazz Orchestra unter der Leitung des ehemaligen Saxophon-Mafiosos Steffen Schorn mit Berserkerwut über das Publikum hereinbrechen würden, war abzusehen. Dass es eine Freude sein würde, dem „Tieftöner“ Schorn in die Welt Catweazles und dessen Auseinandersetzung mit gegenläufigen Metronomen zu folgen, mindestens ebenso.

Jan Klares Projekt „1000“ mit Bart Maris, Trompete, Wilbert de Joode, Bass, und Michael Vatcher, Schlag-zeug, hörten leider viel zu Wenige. Nach einem bisher so intensiven Abend war es eigentlich kaum denkbar, die Intensität noch einmal zu steigern. Klare gelang dieses Kunststück.

Das Zusammenspiel der seit dem Jahr 2004 kooperierenden Musiker, ihr souveränes Changieren zwischen arrangierten Passagen und freier Auseinandersetzung mit dem musikalischen Material, war atemberaubend schön.

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