Mi., 03.02.2016

Besuch in der Grundschule Wie Flüchtlingskinder unterrichtet werden

Sprachförderunterricht in der Michaelschule: Lehrerin Susanne Eiynck-Smith übt mit Yasmina, Fateh (l.) und Mohammad deutsche Vokabeln und Sätze über das Leben auf einem Bauernhof.

Sprachförderunterricht in der Michaelschule: Lehrerin Susanne Eiynck-Smith übt mit Yasmina, Fateh (l.) und Mohammad deutsche Vokabeln und Sätze über das Leben auf einem Bauernhof. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Ein knappes Fünftel der Kinder in der Gievenbecker Michaelschule kommen aus Flüchtlingsfamilien. Sie lernen zusammen mit den Einheimischen in den Regelklassen. Das klappt – dank ausgeklügelter Unterrichtsmethoden und großen Engagements des Kollegiums.

Von Karin Völker

Es geht um Freundschaft in der Deutschstunde in der 2a der Michaelschule. Klassenlehrein Susanne Eiynck-Smith bespricht mit den Kindern den Bilderbuch-Klassiker „Freunde“ von Helme Heine. Freundschaft geschlossen haben da eine Maus, ein Hahn und ein Schwein – drei, die verschiedener kaum sein können. So verschieden wie die Kinder der 2a.

„Wovon träumen die drei Freunde, wenn sie schlafen?“ Zu der Frage, die die Zweitklässler beantworten sollen, sagt Sidra: „Johnny Mauser, die Maus, träumt von einem Kater und sagt zu ihm: Friss mich nicht, friss lieber den Käse da.“

Vor einigen Monaten noch konnte sich Susanne Eiynck-Smith mit Sidra, dem kleinen Mädchen aus Syrien, nur mit Händen und Füßen verständigen, jetzt ist Sidra schon recht sicher in der deutschen Grammatik, benutzt korrekt den Imperativ.

54 Flüchtlingskinder

Das Mädchen aus Syrien ist eines von 54 Flüchtlingskindern in der Gievenbecker Michaelschule. Keine münsterische Grundschule hat so viele Kinder aus Flüchtlingsfamilien, sie stellen etwa ein Fünftel der knapp 293 Schüler. In manchen Klassen sind bis zu acht der kleinen „Seiteneinsteiger“ wie die Kinder ohne Deutschkenntnisse genannt werden.

Seiteneinsteiger ist auch Haijk aus Armenien, der im Sommer in die Klasse kam. Seine Eltern sind keine Flüchtlinge, Haijk wird wegen einer komplizierten Erkrankung langfristig im Uniklinikum behandelt. Auch Haijk, der trotzdem zur Schule gehen kann, formuliert auf deutsch, was die Figuren im Bilderbuch träumen.

Haijk und Sidra müssen ihre Ideen dazu noch nicht, wie ihre Klassenkameraden, aufschreiben. „Nicht jeder muss gleichzeitig dasselbe können“, sagt Susanne Eiynck-Smith.

Kinder aus der ganzen Welt

Die Grundschullehrerin hat mittlerweile, ebenso wie viele Kolleginnen, Fortbildungen für „DaZ“, also Deutsch als Zweitsprache, absolviert. Sie beteiligt sich an einem Arbeitskreis münsterischer Grundschulpädagogen, die neue Ideen für den Unterricht mit Seiteneinsteiger-Kindern ausklügeln, erproben und weitergeben. Deren wachsende Zahl in den Klassenzimmern macht ihr persönlich keine Sorgen: „Unsere Schulen sind nun mal kein Bullerbü“, beschreibt sie den Mix in der Schülerschaft. Alle sozialen Schichten, Kinder aus der ganzen Welt. In ihrer 2 a sind außer Sidra und Haik noch weitere vier Kinder, deren Familien aus dem Jemen, aus Indonesien, aus Portugal und ebenfalls Armenien stammen. Das Mädchen aus der indonesischen Familie ist eine der Klassen-Besten.

In der Stunde zuvor hat die Lehrerin Sprachförderunterricht für Flüchtlingskinder gegeben. Heute waren nur drei der fünf Erstklässler da – und die kennt sie sehr gut. Im vergangenen Jahr waren sie in ihrer Klasse. Weil sie in der Sprachentwicklung nicht so schnell aufholten, wiederholen sie das Schuljahr. Mittlerweile haben Mohammad (7) aus Syrien, Fateh (8) aus dem Iran und Yasmina (8) aus Serbien gegenüber vielen ihrer jetzigen Klassenkameraden einen Vorsprung.

Die Förderstunde zeigt, wie unterschiedlich selbst diese drei Kinder lernen. Die Lehrerin liest ihnen eine Geschichte über Tiere eines Bauernhofes vor, lässt sie ein immer wiederholtes Zitat vorlesen. Fateh kann schon sehr flüssig lesen, sich aber frei auf deutsch weniger gut ausdrücken als Yasmina. Sie versteht das Deutsche sehr gut, hat mündlich einen großen Wortschatz, tut sich beim Lesen aber schwer. Mohammad, zurückhaltender und aufmerksamer als die beiden anderen, setzt beides zwar langsamer, aber immer richtig um.

Sprachförderstunden

Alle Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in die Michaelschule kommen, haben jeden Tag zuerst einmal mindestens zwei Sprachförderstunden in Kleingruppen, Zwölf Wochenstunden sind es insgesamt. Dieses Konzept habe vereinzelt geäußerte Kritik aus der Elternschaft ausgeräumt sagt die Schulleiterin Petra Bredenjürgen. Sie verschweigt nicht, dass manche Eltern Sorgen äußerten, die Förderung der einheimischen Kinder könnte nun leiden, als seit etwa einem Jahr immer mehr Flüchtlingskinder in die Michaelschule kamen, weil die angrenzenden Britenhäuser mit Familien der Asylsuchenden belegt wurden.

Petra Bredenjürgen begegnete dem Ansturm mit Gelassenheit: „Wir haben langjährige Erfahrung mit der Integration von Migranten“, sagt sie und erinnert sich an ihren Anfänge an der Michaelschule vor 18 Jahren. „Damals, während des Balkankrieges, hatten wir 94 Kinder aus geflüchteten Romafamilien in der Schule, eine weitaus schwierigere Herausforderung“, sagt sie – auch weil es heute deutlich mehr Unterstützung gebe. Eine volle Stelle einer speziell für Deutsch als Zweitsprache ausgebildeten Lehrerin habe die Schule hinzu bekommen, außerdem gebe es viel Unterstützung durch Sozialpädagogen und Beratung beim Schulamt.

Alle Kinder sind verschieden

Die Flüchtlingskinder, so die Erfahrung des Kollegiums, sind so verschieden wie alle anderen Kinder auch. Ein Mädchen aus der Mongolei ist problemlos zum Gymnasium gewechselt, andere, wie Mohammad, Fateh und Yasmina bleiben länger in der Grundschule, um aufzuholen. Und manche müssen auch mit acht oder neun Jahren in den Förderstunden erst Dinge lernen, die deutsche Kinder aus der Kita mitbringen: Einen Stift richtig zu halten, etwas mit einer Schere auszuschneiden.

Für Susanne Eiynck-Smith ist das alles kein größeres Problem: „Wir müssen es einfach anpacken“, sagt sie. Jetzt hat sie angefangen, Arabisch zu lernen. Damit die Verständigung mit Kindern mit dieser Muttersprache von Anfang besser klappt als mit Händen und Füßen.

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