So., 14.02.2016

Jugendstück „Caravan“ beleuchtet die Not der Arbeitsmigranten Vom Traum zur Enttäuschung

Aufbruch zu fremden Ufern: Szene mit Ilja Harjes, Johanna Marx und Lilly Gropper

Aufbruch zu fremden Ufern: Szene mit Ilja Harjes, Johanna Marx und Lilly Gropper Foto: Oliver Berg

Münster - 

Die Straßen sind aus Gold, der Regen ist prickelnder Champagner, und jeder Mann ist ein Gentleman wie Mr. Brown aus ihrem Englischbuch. So stellt sich Irina Großbritannien vor, als sie in Kiew an der Bushaltestelle steht. Als sie nach 40 Stunden Fahrt endlich in Dover ankommt, regnet es tatsächlich. Aber Champagner ist das nicht. Und der Mann, der ihr den Pass abnimmt, erweist sich als Mädchenhändler.

Von unseremMitarbeiterHelmut Jasny

In ihrem 2007 erschienenen Roman „Caravan“ beleuchtet Marina Lewycka die Situation von Arbeitsmigranten in Europa. Aus diesem Buch hat Regisseurin Lily Sykes ein Theaterstück für Jugendliche ab 14 Jahren gemacht, das am Freitag im Kleinen Haus des Theaters Münster Uraufführung feierte. Es geht darin um die Träume und Lebensentwürfe polnischer, ukrainischer und afrikanischer Erntehelfer. Und um Ausbeutung und Kriminalität im Gastland, die diesen Träumen im Weg stehen.

Im Mittelpunkt der als Roadmovie angelegten Inszenierung steht die Liebesgeschichte von Irina und Andrij, die einige ideologische Hürden zu überwinden hat. Denn die Kiewerin hat auf dem Majdan für die Unabhängigkeit demonstriert, während der Bergmann aus dem Donbass überzeugt ist, dass eine Ukraine ohne Russland nicht funktionieren kann. Damit verflochten sind die Geschichten all der anderen Protagonisten – unter anderem die von Jola, die sich auf englischen Erdbeerfeldern einen Bungalow in Polen zusammengepflückt hat, in dem ihr Kind alleine sitzt.

Sykes packt viel hinein in die knapp zweistündige Aufführung. Aber das ist kein Manko. Das siebenköpfige Ensemble meistert nicht nur das hohe Tempo hervorragend, sondern auch die zahlreichen Mehrfachbesetzungen. Das Ergebnis ist eine frische und modern wirkende Ästhetik, die junge Zuschauer ansprechen dürfte. Hinzu kommt ein originelles Bühnenbild (Friederike Meisel) mit einem Wohnwagen, der auch als Hühnerstall und Klettergerüst dient, und einem Klohäuschen, das sich bei Bedarf in eine Telefonzelle umfunktionieren lässt.

Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt die Musik von David Schwarz. Immer wieder formiert sich das Ensemble zu Gesangseinlagen, die für Abwechslung sorgen und die Gemütszustände der Protagonisten illustrieren. Eine gelungene Inszenierung, die das ernste Thema kurzweilig und mit viel Empathie auf die Bühne bringt.

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