Di., 16.02.2016

Wahrscheinlichkeitsrechnung Leben mit Vorhersage

Gerold Alsmeyer beschäftigt sich am Mathematischen Institut der Universität Münster mit Wahrscheinlichkeitsmodellen.

Gerold Alsmeyer beschäftigt sich am Mathematischen Institut der Universität Münster mit Wahrscheinlichkeitsmodellen. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Prof. Gerold Alsmeyer ist Mathematiker. Sein Spezialgebiet ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Was das im alltäglichen Leben bedeutet, erklärt er im Interview.

Die Wetterprognose sah schlecht aus. Also fiel in Münster und anderswo in der letzten Woche der Rosenmontagszug ins Wasser. Ein Beispiel dafür, wie Annahmen über die Zukunft unseren Alltag beeinflussen. Prof. Dr. Gerold Alsmeyer (58) befasst sich an Münsters Universität mit Wahrscheinlichkeitstheorien. Mit ihm sprach Redakteur Günter Benning.

Wenn Ihnen jemand sagt, mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird es heute stürmen, würden Sie dann einen Karnevalsumzug abblasen?

Alsmeyer: Uneingeschränkt ja, wenn dies, wie am Rosenmontag der Fall, mit Orkanböen verbunden ist. Bei einer Abwägung des öffentlichen Interesses an dem Umzug und der Gewährleistung von Sicherheit halte ich Letztere für wichtiger.

Wahrscheinlichkeitsformeln sind oft von Spielern entwickelt worden, die ihr Glück berechnen wollten. Meist sind sie nicht reich geworden. Warum beeindrucken uns Prognosen?

Alsmeyer: Die Stochastik, also die Lehre von der Wahrscheinlichkeit, ist in ihren Anfängen in der Tat von einigen Personen vorangetrieben worden, deren Hauptinteresse das bessere Verständnis von zufallsbehafteten Spielsituationen galt. Dass sie dabei nicht reich geworden sind, hat damit zu tun, dass dies in aller Regel keinem beteiligten Spieler einen Vorteil einräumt. Den psychologischen Aspekt, der uns alle betrifft, kann man so umreißen, dass sich der Mensch in einer zunehmend komplexen Welt durch Prognosen eine Hilfestellung bei der Abwägung von Risiken verspricht. Das gibt ihm zumindest ein wenig das Gefühl von Sicherheit.

Weitgehend öffentlich unbemerkt, wenden Wetterdienste, Börsen-Programme, Online-Shops und Versicherungen Methoden Ihrer Wissenschaft an. Wohin geht diese Reise?

Alsmyer: Es gibt heute eine zunehmende Diskrepanz zwischen der Wahrscheinlichkeitstheorie, einer Teildisziplin der Mathematik, die sich mit immer komplexeren Modellen beschäftigt, und der Statistik, die auf der Basis von häufig riesigen Datenmengen ganz pragmatisch Vorhersagen treffen will. Waren diese Teildisziplinen früher eng verbunden, so besteht heute in der Statistik eine starke Tendenz, große Datenmengen mit großer Rechnerkapazität zu durchforsten und daraus Prognosen abzuleiten. Dies hat zu einer Verschiebung der Statistik in Richtung der Informatik geführt, wo sie als „Data Science“ betrieben wird. Diese Verschiebung wird gerade in den USA von Statistikern nicht ohne Vorbehalte gesehen.

Wird man in Zukunft noch etwas tun können, wenn Wahrscheinlichkeits-Analysen die Erfolgsaussicht niedrig ansetzen?

Alsmeyer: Das hängt von der Zuverlässigkeit der Analyse und der Risikobereitschaft ab. Das ist ja beim Kauf riskanter Wertpapiere auch schon so. Bei der Bewertung einer wahrscheinlichkeitstheoretischen Analyse muss man wissen, dass es zwar exakte Antworten in Form von Wahrscheinlichkeiten gibt, wenn ein bestimmtes Modell vorgegeben wird. Die Wahl eines Modells für Phänomene der realen Welt stellt aber nur eine Annäherung an tatsächlich gegebene Verhältnisse dar. Sie ist per se fehlerbehaftet. Selbst wenn sie nur eine Münze werfen, können sie eigentlich sicher sein, dass diese nur nahezu, aber eben nicht exakt gleich wahrscheinlich auf jede ihrer beiden Seiten fällt.

Werden wir zur Versicherungsgesellschaft?

Alsmeyer: Ich glaube, dass moderne Zivilgesellschaften in ihrem Streben nach Gerechtigkeit und Sicherheit für alle eine Tendenz zur Erstarrung zeigen, weil wohlgemeinte Regelungswut in allen Lebensbereichen Handlungsspielräume zunehmend versperrt. Hier nur ein paar Beispiele: Der Verordnungswahnsinn aus Brüssel für oft nichtige Angelegenheiten, die Tendenz, bei Schulstreitigkeiten gleich die juristische Auseinandersetzung zu suchen oder auch die geradezu zwanghafte Neigung, Dinge nach einer gewissen Zeit „verbessern“ zu müssen, weil man ja immer etwas findet, was sich vermeintlich noch optimieren lässt.

Wie bewerten Sie diesen Artikel?

Vielen Dank für Ihre Bewertung.

Nur eine Abstimmung möglich!

Ihre Bewertung wurde geändert.

  • Derzeit 0 von 5 Sternen.
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Bewertung: 0/5

1 Stern = überhaupt nicht gut; 5 Sterne = hervorragend

Google-Anzeigen


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3811375?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F