Sa., 20.02.2016

Ein Pfarrer stellt die Sinnfrage Er ist dann mal weg

Nachdenklich: Thomas Frings verlässt seine Gemeinde.

Nachdenklich: Thomas Frings verlässt seine Gemeinde. Foto: bn

Münster - 

Auf dem Fenstersims die Totenmaske von Kardinal Joseph Frings. Der Großneffe Thomas Frings will sein Amt als Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz nach Ostern abgeben. Wir sprachen mit ihm.

Seit der Pfarrer angekündigt hat, dass er die Heilig-Kreuz-Gemeinde nach Ostern verlässt, um in ein Benediktiner-Kloster zu gehen, wird im Internet eine intensive Diskussion geführt. Seine Facebook-Erklärung wurde 82 000 Mal geklickt. Im Gespräch mit Redaktionsmitglied Günter Benning spricht Frings über die Hintergründe. 

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Pro und Contra zum Gemeindeaustritt von Pfarrer Frings

Verlässt hier ein Kapitän das sinkende Schiff?

Frings: Den Vorwurf gibt es. Mir wurde gesagt, Sie resignieren, das sollte man nicht. Ich habe gesagt, die meisten bleiben an Deck, da kann man doch zufrieden sein. Da sagt mein Gegenüber: Die anderen haben nur Angst vor Konsequenzen. Aber das wäre eine Zwickmühle. Ich verlasse übrigens nicht das Schiff, ich bleibe an Bord.

Sie haben Ihre Erklärung auf Facebook gepostet. Die Resonanz war gewaltig.

Frings: 82 000 Klicks. Ich kriege stapelweise Post, die ich kaum mehr lesen kann. Da geht es nicht mehr um meine Person, sondern um meine Aussage. 99 Prozent sind positiv, das überrascht.

Es gibt da zwei Kern-Reaktionen. Die einen bedauern ihren Weggang, andere halten Sie für inkonsequent. Warum nicht gleich austreten?

Frings: Ich bleibe in der Kirche. Kirche ist der objektive Rahmen meines subjektiven Glaubens. Mein Glaube ist sehr persönlich, aber er braucht eine Rahmung. Ich denke und lebe kirchlich, für mich ist mein Platz in der Kirche, mit 2000 Jahren Geschichte. Ich will nichts anderes sein als Priester.

Sie haben gesagt, sie erleben einen ständigen Sinkflug. Weniger Gläubige, Fusionen, ohne einen tieferen Wandel in der Kirche. Was wäre zu tun?

Frings: Ich habe die Lösung nicht. Aber ich habe meine Konsequenz gezogen. Es wird ja immer noch gesagt, Gemeinde ist da, wo ein Priester ist. Aber wir haben die Priester nicht mehr. Solange ich noch im Dienst bin, hält die Struktur, die wir jetzt noch haben. Aber was sag ich den Nachwachsenden? Ich kann denen ja nicht sagen, solange ich gearbeitet habe, ist alles gut gegangen, du musst dir was Neues einfallen lassen. Das ist unverantwortlich. Papst Franziskus sagte den den deutschen Bischöfen: „Es ist nicht möglich, aus dem Strandgut der guten alten Zeit etwas zu rekonstruieren, was gestern war. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die die Gläubigen fehlen.“

Stellt sich die Frage, ob der Inhalt ihrer Arbeit noch verstanden und gebraucht wird? Sie haben kritisiert, dass die Leute die einfachsten Rituale verweigern. Kommunionkinder können das Vater Unser nicht, nicht mal ein Kreuzzeichen.

Frings: Wir laden zur Erstkommunionvorbereitung ein. 95 Prozent kommen. Die Kinder sollen Kirche kennenlernen. Doch davor und einen Tag danach sieht man sie nicht mehr. Aber wenn die Leute doch Kirche eigentlich nicht gut finden, und das sagen sie auch – 25 Prozent der Eltern sind aus der Kirche ausgetreten – können sie ihre Kinder da nicht hinschicken. Die Kinder bekommen Doppelbotschaften: Wir finden Kirche nicht gut – du solltest aber da mitmachen. Nach der Taufe werden wir dich davon fern halten und nach der Kommunion auch – aber beide Male werden wir ein großes Fest veranstalten.

Wieso? Kann ja sein, dass sich Menschen abwenden. Sie wollen aber ihren Kindern die Chance geben, selbst zu entscheiden.

Frings: Das sagen nicht wenige Eltern, aber das ist fragwürdig. Wenn ich etwas Schlechtes erfahren habe und sogar diese Gemeinschaft verlasse, dann schicke ich mein Kind doch da nicht hin.

Sehen Sie nicht in der Gesellschaft den Wunsch zu ethisch soliden Grundorientierungen, auf der man Entscheidung trifft wie „Wir nehmen Flüchtlinge auf“. Religionen vermitteln das.

Frings: Den Wunsch erkenne ich und gleichzeitig sehe ich da eine Diskrepanz. Wenn mir ein Kind erklärt, es könne kein Gebet, weil seine Mama sagt, so einen Quatsch machen wir nicht, aber zur Kommunion gehst du trotzdem, wo ist denn da noch eine ethisch solide Grundorientierung? Ist es so schwer zu verstehen, dass ich das nicht mehr machen möchte?

Klingt sehr negativ.

Frings: Natürlich gibt es auch positive Beispiele. Aber, seit 25 Jahren mache ich Erstkommunionvorbereitung als Pfarrer. Seit 25 Jahren werden die positiven Beispiele von Jahr zu Jahr weniger. Wenn dieser Trend klar ist, kann doch nicht die einzige Antwort der Kirche sein, Okay, wir dürfen nichts ändern. Da wird die Hoffnung überstrapaziert, dass sich doch noch was zum Besseren wandelt. Ich glaube, wir haben nicht unbedingt eine Kirchenkrise, sondern wir haben eine Gotteskrise und die bekommen wir in und an den Kirchen zu spüren.

Aber man sieht auch großes Engagement, gerade im Kontext der Fusionen.

Frings: Es gibt da gute Begleitung und auch sogar Verständnis. Aber auch ein Beharrungsvermögen trotz aller wahrnehmbaren Trends. Da ruft ein Herr an und sagt, wir haben 2500 Unterschriften dem Bischof gebracht, damit unsere Kirche nicht geschlossen wird. Dem sage ich, seien Sie froh, dass ich nicht Bischof bin, ich würde noch mehr Kirchen schließen. Glauben Sie denn wirklich, man könnte durch Unterschriftenlisten Kirche und Gesellschaft gestalten, Werte vermitteln? Wenn die 2500 regelmäßig in die Kirche gegangen wären, wäre niemand auf die Idee gekommen, diese Kirche zu schließen. Kirche lebt nicht durch Unterschriften, sondern durch Menschen, die mitmachen.

Wie können Sie denn mit dieser Weltsicht Priester bleiben?

Frings: Mein Priestersein gründet nicht auf Erfolg. Das Evangelium ist der Schlüssel für das Geheimnis des Lebens, das Verständnis dieser Welt. Darauf baue ich. Ich will Priester bleiben, nichts anderes.

Sie verlassen jetzt die Komfortzone?

Frings: Sicherer als ein Beamter und katholischer Priester kann man in Deutschland gar nicht leben. Das gebe ich auf, das ist mein Preis. Ich bekomme kein Gehalt mehr, was richtig ist. Ich gebe meine Wohnung und den Großteil meines Hab und Gutes auf und gehe erst einmal in ein Kloster.

Wie vermitteln Sie denn heute denn den Glauben? Vater unser, der du bist im Himmel – für die Kids ist da Star Wars, Science Fiction, unendliche Weite. Wo ist da Platz für Gott?

Frings: Bei Kindern gehe ich nicht über Worte, sondern über Bilder und Riten. Kinder lieben Wiederholungen. Nehmen wir die Kniebeuge. Geh ich runter, sage ich: Gott, vor Dir bin ich klein. Wenn ich raufgehe, sage ich: Gott, mit Dir bin groß. Bei Kindern gehen wir über das Herz in den Kopf.

Mal ehrlich, es gibt Kirchenlieder und Gebete, bei denen sich für den rationalen Menschen das Wort im Kopf umdreht.Wie geht man damit um?

Frings:  Ein bisschen Toleranz ist schon nötig. Rückfrage: Können Sie an irgendein Liebeslied, irgendeinen Schlager mit Verstand herangehen? Wir müssen mit Herz und Hirn herangehen. Glaube ist eine Beziehung, die ich zu Gott habe und an so etwas geht man nicht nur rational und logisch, sondern auch emotional. Und so klingen manche Lieder auch. Wir müssen emotionalisieren und visualisieren, das haben wir in Heilig Kreuz oft gemacht. Unser Botschaft ist: Kirche ist jung, dynamisch, individuell und dies ist auch nach meinem Abschied eine absolut tolle und zukunftsfähige Gemeinde! Auch wenn ich gehe, viele aktive und creative Menschen bleiben und werden diese Gemeinde prägen.

 Umso krasser, dass genau der Pfarrer dieser Kirche sagt, all das reicht mir nicht.

Frings:  Weil ich Bestandteil eines großen Ganzen bin und ich habe die Konsequenz gezogen. Noch ein Plan, noch eine Umfrage, so wichtig sie sein mögen, ich glaube nicht, dass wir damit etwas ändern. Aber ich habe nicht den Glauben verloren, dass das Evangelium etwas ändern kann und Veränderung beginnt bei mir selber.

Glauben Sie nicht, dass es Kreise in der Kirche gibt, für die Ihre Kritik nicht zutrifft? Geht es nicht auch anders?

Frings:  Ja, ich bin begeistert, wenn Menschen kommen, ich freue mich, wenn Suchende und Zweifelnde kommen. Sie sind alle willkommen und es war nie unsere Aufgabe, Sonntags die Kirche zu füllen. Unsere Aufgabe ist viel größer.

Gibt es einen Modernitätsstau in der katholischen Kirche? Braucht es neue Strukturen?

Frings: Das sind zwei verschiedene Fragen. Die evangelische Kirche ist uns in vielen Fragen voraus, zum Beispiel was die Frauenordination angeht. Und die Kirchenbindung ist dort noch geringer. Man darf den Zöllibat nicht aufheben, um einen Trend aufzuhalten. Was die bisherige Strukturreform angeht, die habe ich mitgestaltet und die trage ich mit. Das bisherige Kleid ist zu groß geworden. Aber wir können nicht nur Strukturen ändern. Wir sind in der Fastenzeit und es gibt keinen Ersatz für die persönliche Veränderung und Umkehr.



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