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Di., 22.03.2016

Münsteranerin in Brüssel „Hier wissen alle, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt“

An der Metrostation Maelbeek geht Andrea Bracht (kleines Foto) fast täglich vorbei. Am Dienstag gab es dort eine Explosion.

An der Metrostation Maelbeek geht Andrea Bracht (kleines Foto) fast täglich vorbei. Am Dienstag gab es dort eine Explosion. Foto: dpa, privat

Brüssel - „Explosion Metro Maelbeek. Da wohne ich. Da bin ich vor ´ner halben Stunde vorbeigelaufen." Die Münsteranerin Andrea Bracht, die derzeit in Brüssel lebt, ist traurig. "Da lang gehe ich, wie jeden Abend, auch heute Abend nach Hause. Erhobenen Hauptes“, schreibt sie bei Facebook. 

Von Sabine Plake

Seit einem Jahr arbeitet und lebt Andrea Bracht in Brüssel. Die ehemalige Redakteurin unserer Zeitung ist dort Pressereferentin für die SPD-Europaabgeordneten. „Nach den ersten Meldungen bei Twitter über die beiden Explosionen am Brüsseler Flughafen klebt unser Flur förmlich am Handy“, erzählt sie am Vormittag. „Über den Kurznachrichtendienst verbreiten sich Bilder von zerstörten Gebäuden und blutenden Menschen. Da fragt man sich, wie man das hätte verhindern können, ob man es nicht hätte wissen müssen, was in Zukunft passieren muss, damit so was nie wieder passiert. Einige Abgeordnete lassen ihre Flüge canceln und buchen stattdessen Züge.“

Spätestens seit der Verhaftung des Top-Terroristen Salah Abdeslam hätten viele einen Racheakt erwartet. Schon bis dahin galt für Brüssel die Terrorwarnstufe 3. „Laufend sieht man Militärfahrzeuge, Hubschrauber, Sirenen heulen. Aber das war für uns fast schon normal.“ Jetzt seien sie bei Terrorwarnstufe 4. „Da werden die Schulen und die Uni geschlossen. Busse und die Metro fahren nur eingeschränkt oder gar nicht.“

Fotostrecke: Terroranschläge in Brüssel

Jetzt sitze sie im zwölften Stock des Europaparlaments, erzählt sie am Telefon. Das ist abgeriegelt. Keiner kommt rein, keiner kommt raus. Die Stimmung auf den Fluren sei „komisch.“ „Emotional“. Viele hätten als Erstes mit ihren Angehörigen telefoniert, um ihnen zu sagen: „Ich bin in Sicherheit.“ Aber: „Hier wissen alle, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt.“

Jetzt werde diskutiert, was die Konsequenzen sein könnten. Die Forderung nach noch mehr Sicherheit? Nach Kontrollen bereits vor Betreten von Flughäfen und Bahnhöfen? Noch mehr Überwachung und Kontrolle? "Wir leben in einer freien, demokratischen Welt, und ich will in keiner anderen leben. Man kann keine absolute Sicherheit herstellen, denn die wäre gleichbedeutend mit dem Verlust von Freiheit", sagt Andrea Bracht. "Dem Angriff auf unsere Werte, auf unsere Freiheit, auf unsere Lebenslust müssen wir genau diese Dinge entgegenhalten: Freiheit, Demokratie, Toleranz, Freude am Leben - und Liebe zu unseren Mitmenschen."

Fotostrecke: Reaktionen auf die Terroranschläge in Brüssel

"Über Facebook markiert sich meine Brüsseler Freundesliste gerade peu à peu als "in Sicherheit". Unser Vorsitzender Udo Bullmann hat sich vergewissert, dass alle Mitarbeiter von uns – soweit überschaubar – ebenfalls in Sicherheit sind. Das Handynetz funktioniert nicht mehr, alle nutzen Facebook und WhatsApp zum kommunizieren. Die Presseanfragen häufen sich."

Am Nachmittag berichtet Bracht: "Die Mitarbeiter im Europaparlament sind angehalten, morgen von zu Hause aus zu arbeiten. Die Europaflagge ist soeben auf Halbmast gegangen. Der Untersuchungsausschuss, der heute seine erste reguläre Sitzung hätte haben sollen und zu dem unser Pressegespräch heute Morgen stattfand, ist verschoben worden – davon abgesehen steht ohnehin die ganze Stadt still, wie wir vom Parlament aus über die Nachrichten mitbekommen. Kollegen überlegen, ob sie jetzt nach Hause gehen sollen, viele aber entscheiden, dass es im Parlament sicherer ist. Die Polizei warnt vor weiteren Tätern, die noch in der Stadt unterwegs sein könnten. Weil viele jetzt in der Stadt festsitzen, bieten Abgeordnete und Mitarbeiter ihre Schlafsofas den Gestrandeten an. Über interne Mails werden Fahrgemeinschaften gebildet."

Am Dienstagmorgen saß sie in einer Pressekonferenz mit dem SPD-Europaabgeordneten Ismail Ertug. Eigentlich wollte der etwas sagen zum VW-Abgasskandal. Am Nachmittag soll der Untersuchungsausschuss zum ersten Mal tagen. „Da hatten wir mit vielen Journalisten von dpa, Spiegel und so weiter gerechnet. Gekommen ist dann nur noch einer.“

Die ersten Bomben wurden am Morgen in der Empfangshalle des Flughafens gezündet. „Das ist noch vor der Sicherheitskontrolle.“ In den vergangenen Tagen sei bekannt geworden, dass es ein enges Netzwerk von etwa 30 Leuten um den Terroristen Abdeslam gebe. Abdeslam hatte erklärt, er habe einige Anschläge an verschiedenen Orten in Brüssel geplant. „Klar wollen die jetzt zeigen, wo der Hammer hängt“, mutmaßt sie. Sie könne deren Tun in keinster Weise nachvollziehen, das sei einfach ein Angriff auf Freiheit und Demokratie. „Und die müssen wir verteidigen.“



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