Fr., 08.04.2016

Lies Pauwels zeigt im Pumpenhaus „Het Hamiltoncomplex“ Auf der Kippe

Nicht mehr Kind und noch nicht Frau: Die Regisseurin Lies Pauwels zeigt im Pumpenhaus das Zwischenreich des Erwachsenwerdens von und mit 13 13-jährigen Mädchen.

Nicht mehr Kind und noch nicht Frau: Die Regisseurin Lies Pauwels zeigt im Pumpenhaus das Zwischenreich des Erwachsenwerdens von und mit 13 13-jährigen Mädchen. Foto: Fred Debrock

Münster - 

Als Stewardessen stehen zwölf Mädchen in einer Reihe auf der Bühne. Minirock und Jackett wollen nicht recht zum kindlichen Ausdruck passen. Als sie mit hellen Stimmen „Vois sur ton chemin“ singen, wunderschöne Chormusik von Christophe Barratier („Die Kinder des Monsieur Mathieu“), haben sie das Publikum schon für sich eingenommen.

Von Isabell Steinböck

„Het Hamiltoncomplex“ nennt sich diese außergewöhnliche Produktion, die Regisseurin Lies Pauwels für Hetpaleis, eines der größten Theater für junges Publikum in Belgien , kreiert hat. Im Pumpenhaus feierte das Stück seine deutsche Erstaufführung.

Es geht um Wendepunkte im Leben, die Individuen unwiderruflich verändern. 13 Jahre sind ein magisches Alter, wenn es um eine der größten Entwicklungen geht, das Erwachsenwerden. Also stellt Lies Pauwels Mädchen dieses Alters auf die Bühne, 13 an der Zahl. „Wir sind nicht Fisch und nicht Fleisch“, sagt eine der jungen Spielerinnen zu Anfang. Was das bedeuten kann, zeigt die Compagnie in dynamischen, bildgewaltigen Szenen, die amüsieren und berühren.

Natürlich kokettieren die Mädchen mit ihren jungen Körpern, die sie mal erotisch, mal keck präsentieren. „Wir empfehlen Ihnen, ihre Hormone unter Kontrolle zu halten“, sagt eine kleine Stewardess zu Anfang und forscht strengen Blickes nach Pädophilen im Saal. Schließlich treten sie auch als Lolitas auf, Blumen im Haar wie zu der Zeit der „Flower Power“-Bewegung. Wenn sie sich in weißen Rüschenkleidern einander liebevoll nähern, denkt man unweigerlich an David Hamiltons weichgezeichnete Fotografie.

In immer neuen Szenen lotet die Regisseurin Emotionen aus, die das Erwachsenwerden begleiten. Mal wirken die Mädchen wie Kinder, mal wie junge Frauen. Dass sie trotz Inszenierung authentisch bleiben, macht den Reiz dieser Produktion aus. Auch Choreographin Lisi Estaras scheint darauf bedacht, das Ungeschliffene, Rohe ihrer Laienkünstler zu bewahren. Impulsive, mitreißende Momente gelingen in einem dynamischen Tanzsolo, das Wut und Hilflosigkeit zum Ausdruck bringt. Trotzig wie Schulkinder begegnen die Mädchen ihrem omnipräsenten Aufseher (Sefan Gota), einem eitlen Muskelprotz, der in Kontrast zum aufgewühlten Ensemble auf geradezu unheimliche Weise selbstkontrolliert scheint.

Ängste treten zutage, sexueller Missbrauch und Gewalt stehen im Raum. Mitunter wirken die Mädchen wie Freiwild. Auch der böse Wolf erscheint dem märchenhaften Rotkäppchen als Mann. Wie eine Puppe wirft er sich das Kind über die Schulter. Mit großen Augen rafft die Kleine ihre sämtlichen Kleider zusammen und flieht.

Das Ende wirkt wie eine Befreiung, wenn 13 junge Schönheitsköniginnen (darunter auch ein gehbehindertes Mädchen) ihre Namen stolz in die Welt hinausschreien. Ein mutiges Stück, das sein Publikum zum Applaus förmlich von den Sitzen riss. Sie haben es verdient.

Es gibt noch eine Vorstellung am Freitag (8. April) um 20 Uhr im Pumpenhaus, Gartenstraße 123. Karten: ✆ 02 51 / 23 34 43.



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