Sa., 07.05.2016

Zuschauer sitzen auf dem Boden Ausbeutung am Beispiel eines vergessenen Volkes

Spartanisch ist das Stück auch für die Zuschauer : Sie müssen auf dem Boden hocken.

Spartanisch ist das Stück auch für die Zuschauer : Sie müssen auf dem Boden hocken. Foto: Juan Santacruz

Münster - 

Die deutsch-kolumbianische Kompanie „Hidden Tracks“ bringt Ausbeutung auf die Bühne. Das Publikum hockt daneben.

Von Isabell Steinböck

Mit langen Beinen stiefelt der Tänzer auf sein Publikum zu. Diabolisch grinsend, wirkt er wie ein Soldat, wenn er sich zu wummernden Bässen neben seinen beiden Partnerinnen aufbaut. In ihren glänzenden Anzügen wirken die drei Performer wie Manager, die für wirtschaftlichen Profit alles tun, wenn sie die Fäuste erheben, geldgierig die Finger reiben oder ihre Hände besitzergreifend ins Leere krallen. Die deutsch-kolumbianische Kompanie „Hidden Tracks“ thematisiert mit „Exit: Humanity“ Ausbeutung , die mit Kolonisation und Globalisierung einhergeht, exemplarisch dargestellt am seit Jahrhunderten unterdrückten Volk der Misak.

In Zusammenarbeit mit vier Vertretern dieser indigenen kolumbianischen Kultur gelingt unter der Leitung von Philip Gregor Grüneberg eine interaktive Performance, die dem Publikum Fremdes nahebringt. In drei Gruppen eingeteilt, begeben sich die Zuschauer auf ethnografische Spurensuche: Im dunklen, mit Stroh ausgelegten, leeren Keller des Pumpenhauses ertönen Vogelgezwitscher und Flötenspiel (Geräusche aus dem Bergdorf Silvia / Cauca), draußen auf der Wiese entsteht ein traditionelles Lehm-Haus, im Foyer erzählt ein Mitglied der Misak (aus dem Off), wie schwer es ist, in Zeiten staatlich verordneter Schulbildung die überlieferte Erziehung aufrecht zu erhalten.

Zwischendurch finden sich die Zuschauer auf dem mit Kissen ausgelegten Boden des Theaterraums zusammen, während die vier Misak auf „Namrik“ (übersetzt) Mythen und Rituale erklären: Wie sie der Erde huldigen, bevor sie den Boden bestellen, weshalb für sie alles Leben aus einer Lagune entspringt und welche spirituelle Bedeutung das Weiß ihrer gewebten Röcke hat.

Die Choreografinnen Marcela Ruiz Quintero und Ex-Goldin Tänzerin Jennifer Ocampo Monsalve verarbeiten das Leben dieser urtümlichen Menschen in traditionell basierten Choreografien. Volkstänze sind zu sehen, flankiert von einer plastischen Bewegungssprache, die zeitgenössischen Tanz sparsam einsetzt. Die Künstler stellen sich selbst zurück, wenn sie den Misak auf der Bühne einen schützenden Raum bereiten. Letztlich geht es in diesem beachtenswerten Stück nicht nur darum, die Kultur, sondern auch die Würde eines Volkes zu bewahren, das schon beinahe vergessen war.



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