Sa., 16.07.2016

Gefängnis an der Gartenstraße Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Historisches Kleinod: das 1853 errichtete Gefängnis an der Gartenstraße.

Historisches Kleinod: das 1853 errichtete Gefängnis an der Gartenstraße. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Wenn man das Gefängnis an der Gartenstraße betritt, fühlt man sich in die Vergangenheit versetzt. Kaum vorstellbar, dass dieses historische Kleinod abgerissen werden könnte.

Von Martin Kalitschke

Hinter den roten Backsteinmauern beginnt eine andere Welt. Eine Welt, in der seit 1853 Menschen für ihre Verbrechen büßen müssen, eine Welt aus schweren Eisentüren, Stacheldraht und vergitterten Fenstern. Eine Welt, in die sich niemand freiwillig begeben würde. Und doch hat die Justizvollzugsanstalt an der Gartenstraße , die vor einer Woche Hals über Kopf geräumt werden musste, weil sie einsturzgefährdet sein soll, zugleich einen ganz eigenen Charme, mit ihrem repräsentativen Glockenturm, weiteren Türmchen und Zinnen und den sakral anmutenden Fenstern.

1853 errichtet, fast komplett erhalten – würde dieser Komplex irgendwo in Berlin stehen, er wäre vermutlich eine Touristenattraktion. Dass das Land plant, die JVA abzureißen, schockiert nicht nur Denkmalschützer und den Bund Deutscher Architekten – das schockiert auch Rolf Silwedel , stellvertretender Leiter der JVA. „Ein Abriss ist für uns unvorstellbar“, sagt Silwedel. Für ihn ist das Gefängnis „eines der zentralen Erkennungszeichen Münsters“ – neben Schloss und Aasee. Das sehen die Denkmalschützer des Landschaftsverbandes nicht anders: Auch für sie ist die JVA ein „prägendes Element im Stadtbild“ und eines der wichtigsten weltlichen Denkmäler der Stadt.

Abriss nach 163 Jahren?

Das soll also weg? Einfach so abgerissen werden? Nach 163 Jahren?

Wer die Hauptpforte passiert hat, findet sich nach ein paar Metern in einem kleinen Hof wieder – und blickt auf ein etwa 20 Meter hohes Gebäude, das mehr einer Burg als einem Gefängnis ähnelt. Auf dem Dach befindet sich eine Zinnenreihe, an den Ecken kleine Türmchen. Ein bisschen Drachenfels, ein bisschen Disneyland – nur: Das alles hier ist wirklich alt.

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Pro und Contra zum Abriss des Gefängnisses

Was heute romantisch, ja zauberhaft wirkt, hatte ursprünglich eine ganz andere Intention, erläutert Silwedel. „Die Gebäude sollten abschrecken, die Gefangenen sich allein mit ihrer Schuld und der Bibel befassen.“ Eine abweisende Trutzburg war die JVA freilich schon lange nicht mehr. Selbst die Gefangenen des 21. Jahrhunderts, sagt Silwedel, wussten die Ausstrahlung des historischen Gemäuers bis zuletzt zu schätzen.

Also bis zur Räumung. Nur 47 Häftlinge leben jetzt noch in einem neueren Seitenkomplex, alle anderen wurden vor einer Woche in andere Anstalten verlegt. Silwedel betont, dass er die Entscheidung nicht nachvollziehen kann. Sicherlich, das Gebäude sei seit Jahren in schlechtem Zustand – aber einsturzgefährdet? Nein, die Sensoren, die überall unübersehbar in den Gewölben hängen, hätten seit Jahresbeginn nichts Aufsehenerregendes registriert.

Glockenturm wurde gerade erst restauriert

Silwedel zeigt zum Glockenturm. „Der wurde gerade erst komplett restauriert“, berichtet er. Und erst in der vergangenen Woche sei die Sanierung sämtlicher Duschen abgeschlossen worden. „Die wurden nun nicht ein einziges Mal benutzt.“

Es ist leer geworden in der JVA. Wagen mit Bettwäsche stehen neben Kartonstapeln, Silwedel arbeitet nur noch „auf eigene Gefahr“ in seinem Büro – und betont zugleich, dass er keine Gefahr erkennen könne. Wo er demnächst arbeiten wird, weiß er nicht. So viel steht fest: Sein nächster Arbeitsplatz wird kaum die Ausstrahlung der JVA in Münster haben.

Was wird aus ihr? Für das Land scheint die Antwort klar zu sein. Schon vor Jahren bezifferte es den Sanierungsbedarf auf 250 Millionen Euro. Zu viel, um davon zu träumen, dass hier hippe Start-Ups oder Kulturschaffende einziehen könnten. Aber was dann? So mancher würde die Abrissbagger lieber heute als morgen losschicken. Noch wären sie zu stoppen. . .



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