So., 11.09.2016

Eindrucksvoller Solo-Tanzabend Täter und Opfer zugleich

José Navas  in dramatischer Pose.

José Navas  in dramatischer Pose. Foto: Nina Konjini

Münster - 

Akkurat und flink bewegt sich der Tänzer über die dunkle Bühne. Klassische Posen, schnelle Drehungen und rotierende Glieder markieren die Choreografie: José Navas tanzt, als wolle er der Melancholie in Nina Simones Jazzmusik entfliehen. Seine lässige Attitüde steht in Kontrast zu Momenten, in denen er müde und klein auf dem Boden kauert. Bewegungen, die stark und stolz begannen, werden zu gebrochenen Posen. Ein Bild, das sich durch den einstündigen Solo-Abend zieht: Welche Musik José Navas auch interpretiert, seine Figuren bleiben angreifbar und fragil.

Von Isabell Steinböck

„Rites“ ist der Titel eines vierteiligen Abends, den der kanadische Tänzer-Choreograf im Pumpenhaus auf die Bühne brachte. Die ersten drei Soli wirken wie kleine Häppchen. Zu kurz, um in die Tiefe zu gehen, gelingen dennoch ausdrucksstarke Momente, etwa, wenn die hektisch anmutende Choreografie zu Dvořáks getragenem Choral in weiche, transzendent anmutende Ästhetik mündet. Oder wenn der Tänzer Schuberts „Leiermann“ in beklemmende Gesten kleidet. Das Gesicht verzerrt, die knochigen Finger zum Spiel gebeugt, wird die Figur des einsamen Bettlers plastisch. Wie im Krampf bewegt sich der Körper im Kreis, Liedtext und Bewegung entsprechen sich. Eine einsame Figur, hin- und hergerissen zwischen Aggression, Scham und Verzweiflung – Ausdruckstanz im besten Sinne.

Höhepunkt des Abends ist José Navas expressive Choreografie auf Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps “, ein Tanzstück, das, ebenso wie die ersten Stücke, von zahlreichen Kostümwechseln begleitet ist. Was zunächst aufgesetzt anmutet, entpuppt sich als konzentrierter Akt der Selbstversenkung. Immer neue Rollen durchlebt der Künstler, wenn er als diabolisch richtende Herrscherfigur, als Frau, letztlich als Opfer auf der Bühne steht. Dramatischer Tanz in schwingendem Rock beeindruckt ebenso wie der Überlebenskampf des nackten Individuums. Trommeln durchpulsen den Körper, sanfte Momente zeugen von Demut und Liebe zum Leben. Dass José Navas dem Finale keinen Höhepunkt abringt, mag man nach vielen eindringlichen Szenen verzeihen.



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