Fr., 23.09.2016

Lange Warteschlangen vor dem Ausländeramt „So schlecht war es noch nie“

Wartende im Ausländeramt und viel Gedränge: Viele kommen schon früh am Morgen vergeblich, weil alle Termine bereits vergeben sind.

Wartende im Ausländeramt und viel Gedränge: Viele kommen schon früh am Morgen vergeblich, weil alle Termine bereits vergeben sind. Foto: bn

Münster - 

Manche „Kunden“ des Ausländeramtes müssen dreimal kommen, um ihr Visa zu verlängern. Das Chaos regiert. Es fehlen Mitarbeiter. Und Termine gibt es nicht. Helga Sonntag verspricht Besserung.

Von Günter Benning

Drei Anläufe haben Christian und Nichole Wilbers am frühen Morgen gemacht. Jedes Mal waren sie zu spät, um eine Nummer im Ausländeramt zu bekommen. Gestern kam der Brooks-Mitarbeiter um 6.20 Uhr zum Stadthaus 2: „Da standen schon 50 Leute vor mir.“ Ein Chaos.

Nichole Wilbers, USA-Amerikanerin und Juristin in Düsseldorf, hatte sich frei genommen und löste ihren Mann um 8 Uhr ab. Als sie um 9 Uhr am Infopoint ankam, erfuhr sie: Am Vormittag gebe es keinen Termin mehr für sie. Sie könne sich in die Nachmittags-Schlange eingliedern. Dabei wollte sie nur ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen.

„Es ist krass“, sagt selbst Sozialdezernentin Cornelia Wilkens. Auch im Rathaus stehen die Alarmlampen auf Rot. Seit der Flüchtlingswelle im vergangenen Jahr drehen die 35 Mitarbeiter im Ausländeramt am Rad.

Ab fünf Uhr morgens bildet sich eine Schlange vor der Tür. Viele „Kunden“ müssen mehrfach kommen. Aber offenbar haben die 30 000 in Münster lebenden Ausländer bisher politisch nicht genug Gewicht gehabt, um das Problem zu klar zu machen. Jetzt will sich immerhin der Ältestenrat des Rates mit dem Thema befassen, um Druck zu machen.

Bradley Fisher, ist Verkaufsleiter bei Brooks. Er hat schon in vielen Ländern gelebt. „In Japan regelt man seine Angelegenheit online“, sagt er, „man bekommt einen Termin, es wird geschrieben, was man vorlegen muss.“ Klar und einfach.

In Münster sei es „awfull“, sagt er US-Bürger, „entsetzlich, es war noch nie so schlecht in den letzten sechs Jahren.“

Für sein Visa musste er dreimal zum Ausländeramt – jeweils ein halber Tag Urlaub. Teilweise kam er nicht einmal ins Gebäude. „Sie haben mich nicht mal zum Fotoautomaten vorgelassen.“

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Helga Sonntag soll jetzt regeln, was in den letzten Monaten versäumt wurde. Sie war bisher Verwaltungsleiterin im Jobcenter und ist seit Anfang August im Ausländeramt, im November soll sie dessen Leitung übernehmen. Ihr Problem: „Wir haben nicht genügend Beratungskapazitäten und ich kann keine Termine vergeben.“ Die Situation vor der Amtstür sei oft dramatisch: Kinder stehen dort, Rollstuhlfahrer, Kranke. „Wir sind ja auch für die ausländischen Patienten im UKM zuständig.“

Sonntag hat vergangene Woche dem Verwaltungsvorstand ein Konzept vorgelegt. Besserung ist erst auf lange Sicht machbar, sagt sie: Derzeit könne man pro Tag 60 Fälle abarbeiten, mit neuen Mitarbeitern wolle man die Zahl auf 80 bis 90 Fälle erhöhen. Ende Oktober hofft sie außerdem, eine Online-Terminvergabe zu realisieren: „So wie im Bürgeramt.“ Außerdem soll das Amt für Fälle wie die von Nichole Wilbers künftig auch am Samstag geöffnet haben: „Dann muss man sich nicht frei nehmen.“ 

Am Donnerstagabend bekräftigten die Stadträte Cornelia Wilkens und Wolfgang Heuer in einem Schreiben an die Fraktionsvorsitzenden, dass die von Helga Sonntag vorgestellten Maßnahmen vordringlichen Charakter haben.

SPD-Fraktion fordert kurzfristige Maßnahmen

„Bei einem Ortstermin haben wir schwierige Zustände vor dem Ausländeramt vorgefunden: Menschen, die bereits sehr lange vor dem Ausländeramt warteten, um eine Nummer ziehen zu können, andere, die vergebens gekommen waren und dann unverrichteter Dinge wieder gehen mussten,“ schildern Ratsfrau Doris Feldmann und Ratsherr Marius Herwig die vorgefundene Situation vor dem Ausländeramt, die sie in der vergangenen Woche bei einem Vororttermin festgestellt haben. „Diese Situation ist offenkundig sehr schwierig und muss möglichst kurzfristig durch organisatorische Maßnahmen der Stadtverwaltung behoben werden,“ erklären die beiden Sozialdemokraten „Unsere Fraktion wird sich mit einem Schreiben an den Oberbürgermeister wenden und um Auskunft bitten, welche kurzfristigen Maßnahmen umgesetzt werden können, um hier Abhilfe zu schaffen. Wir wissen um die sehr schwierige personelle Situation in der Ausländerbehörde und sagen die Unterstützung unserer Fraktion zu, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, hier zu einer Verbesserung der Situation für alle Beteiligten zu kommen.“

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