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Di., 18.10.2016

ARD-Film: Terror - Ihr Urteil Im Namen des Fernsehens

Martina Gedeck geht als Staatsanwältin im Film „Terror“ vehement gegen den Angeklagten Lars Koch (Florian David Fitz, l.) und seinen Verteidiger Biegler (Lars Eidinger) vor.

Martina Gedeck geht als Staatsanwältin im Film „Terror“ vehement gegen den Angeklagten Lars Koch (Florian David Fitz, l.) und seinen Verteidiger Biegler (Lars Eidinger) vor. Foto: ARD

Kein Film, keine Serie im Ersten, die in den vergangenen Tagen nicht für die Ankündigungseinblendung zum „Terror“-Gerichtsdrama benutzt wurde. Und staatstragender als „das europäische TV-Highlight“ kann eine TV-Produktion wohl kaum beworben werden. Doch war „Terror“ wirklich ein solch herausragendes Ereignis?

Von Petra Noppeney und Harald Suerland

Was der Zuschauer eingangs erlebte, war eine kammerspielartige Inszenierung mit hochkarätiger Besetzung. Regisseur Lars Kraume federte das starre Frage-Antwort-Spiel, das Ferdinand von Schirach als Autor des Bühnenstückes vorgegeben hat und das Film- wie Theaterregisseuren inszenatorisch weitgehend die Hände bindet, durch permanenten Perspektivwechsel und Konzentration aufs Mienenspiel der Darsteller ab. Irritierend aber war die Einblendung des Berliner Reichstags. Als ob der Zuschauer hier eine Grundgesetz-Entscheidung zu treffen hätte.

Doch von Schirachs „Terror“ ist, was es ist: ein Film- oder Bühnenstück, das den Fall, über den hier verhandelt wird, ganz auf die Frage „Schuldig oder nicht schuldig?“ zuspitzt. Anders aber als bei den Aufführungen von „Terror“ an inzwischen 39 deutschen Theatern, wo in 470 Vorstellungen 439 mal für Freispruch (Stand gestern: 90.532 nicht schuldig, 61.008 schuldig) votiert wurde, geschah dies im Fernsehen anonym via Telefon oder Internet – bei kürzester Bedenkzeit.

Fernsehabstimmung nicht mit Theaterabstimmung vergleichbar

Vielleicht ein Grund dafür, weshalb das Abstimmungsergebnis, das in Österreich und der Schweiz ähnlich ausfiel, mit erstaunlichen 86 Prozent Zustimmung für den Freispruch endete. Und manchen „Schuldig“-Stimmer in den sozialen Medien zu der Mutmaßung bewog, sein Votum sei womöglich aufgrund der technischen Probleme herausgefiltert worden.

Ohnehin ist das „Schöffen“-Spiel am Fernseher nur schlecht mit dem Abstimmen der Theaterbesucher zu vergleichen. Die nämlich verlassen nach den Plädoyers den Raum und kehren nach der Pause erst zurück, wenn sie ihr Urteil abgegeben haben. Sie sind gewissermaßen in der Pflicht zu urteilen.

Der Fernsehzuschauer hingegen konnte abstimmen, ohne den „Prozess“ komplett verfolgt zu haben, konnte sich auch der Notwendigkeit eines Urteils enthalten – womit zu vermuten steht, dass sich vorwiegend Menschen mit starken Überzeugungen beteiligten.

Zu stark emotionalisierend

Die ARD registrierte beim Voting 600.000 Zuschauer-Urteile. Angesichts von 6,88 Millionen Zuschauern sind das gerade mal zehn Prozent. Von den technischen Problemen ganz zu schweigen: „Wäre schön, wenn das Online-Voting funktioniert hätte. So wurden viele ihrer Stimme beraubt“, lautete eine von vielen Reaktionen im Netz auf die „Hart aber fair“-Sendung.

Die verzichtete zwar in der Diskussionsrunde auf die sonst gern gewählen Laut-Sprecher, konnte aber mit dem Mix aus Debatte und Einspielern nicht verhindern, dass etwa die Thesen des ehemaligen Innenministers Gerhart Rudolf Baum, der auf die Wahrung des Grundgesetzes pochte und gegen die Mehrheitsmeinung anredete, zu kurz kamen.

Zudem wirkte bei der Fernseh-Version der emotionale Moment allzu stark. Denn wer nach dem zittrigen Pathos der „Staatsanwältin“ Martina Gedeck die gewinnende Rede des „Verteidigers“ Lars Eidinger hörte, wurde leicht auf die Seite des Angeklagten geleitet – über alle Argumente hinweg.


Seit September kann man "Terror" im Wolfgang Borchert Theater sehen und jetzt, nach der Fernsehverfilmung, zeigt sich, dass die Münsteraner anders abstimmen als die Fernsehzuschauer. Bei den sechs Vorstellungen im WBT gab es bisher drei Schuld-Sprüche und drei Freisprüche. Insgesamt stimmten 52% der Theaterzuschauer für Nicht-schuldig, das sind weniger als im bundesdeutschen Durchschnitt. Die Ergebnisse sind immer sehr knapp, mehr als eine 2/3-Mehrheit gab es noch für keines der Urteile. 

Drei Fragen an Meinhard Zanger, Intendant des Wolfgang-Borchert-Theaters in Münster

Meinhard Zanger: In dieser Version fehlten 20 bis 25 Minuten der Argumentation. Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind im Theaterstück deutlich länger, da muten wir den Zuhörern schon etwas zu. Manche Dinge wurden im Fernsehen verwässert, die Frage des Tyrannenmordes, die im Stück diskutiert wird, fehlte in der Filmversion. Ferdinand von Schirach hat zum Beispiel auch den Begriff „Mord“ thematisiert. Und es lief direkt auf die Abstimmung zu. Im Theater gehen die Zuschauer nach den Plädoyers raus und führen eine Debatte, bevor sie zum Urteil kommen – das gehört doch zur demokratischen Willensbildung dazu!

Von den mehr als sechs Millionen Fernsehzuschauern haben nur etwa zehn Prozent abgestimmt. Das geht im Theater nicht . . .

Zanger: Man muss sich entscheiden wie beim „Hammelsprung“ im Parlament. Und den Zuhörern wird auch deutlich gesagt, dass sie nicht für „Schuldig“ plädieren und dann auf ein gnädiges Gericht hoffen können. Übrigens gibt es im Theater tatsächlich auch Leute, die sich nicht zu einem Urteil durchringen können und am Ende lieber draußen bleiben.

Zum Thema

Bei den sechs Vorstellungen im Wolfgang-Borchert-Theater gab es bisher drei Schuld- und drei Freisprüche. Insgesamt stimmten 52 Prozent der Zuschauer für „Nicht schuldig“, das sind weniger als im bundesdeutschen Durchschnitt. Die nächsten Vorstellungen sind ausverkauft. Info unter 0251 / 400 19

Wie fanden Sie die Verknüpfung mit „Hart aber fair“?

Zanger: Eigentlich hat man damit Argumente, die in der Aufführung vorkommen, gedoppelt. Ich finde, man hätte das Stück live mit Zuschauern spielen sollen, die dann miteinander diskutiert und abgestimmt hätten.



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