Di., 18.10.2016

Die Flucht aus Syrien, Teil 7 Eine Zukunft für die Kinder

Sechs Personen in zwei kleinen Zimmern: Die Familie Salmeh hat es sich dort so gemütlich eingerichtet, wie es geht. Alle vier Kinder besuchen ein münsterisches Gymnasium, die Eltern Asmaa Aleid und Basem Salmeh den Sprachkursus.

Sechs Personen in zwei kleinen Zimmern: Die Familie Salmeh hat es sich dort so gemütlich eingerichtet, wie es geht. Alle vier Kinder besuchen ein münsterisches Gymnasium, die Eltern Asmaa Aleid und Basem Salmeh den Sprachkursus. Foto: Günter Benning

Münster - 

Als Flüchtling hat man sich dazu entschieden, sich in die Arme des unbekannten Schicksals zu werfen, anstatt weiter auf eine Chance im eigenen Land zu hoffen, die Tag für Tag aussichtsloser wird. Doch vor allem hat man sich für das Leben seiner Kinder entschieden und dafür, sie in Sicherheit zu bringen – also für das trivialste Recht, das jedem Kind ermöglicht werden sollte.

Von Asmaa Aleid

In den ersten Tagen nach unserer Ankunft in Münster lebten wir in einer Unterkunft in Gievenbeck, wir teilten uns Küche und Dusche mit anderen Familien. Danach kamen wir in eine neue Unterkunft der Stadt. Hier leben 120 Menschen unter einem Dach, davon 60 Kinder. „Es ist nie leise“, sagt mein Mann Basem, „das ist nicht normal.“

Wir haben zwei Räume, eine Kochnische, ein Bad. Für eine Familie mit vier Kindern ist das eng. Die Kinder teilen sich ein Zimmer, mein Mann und ich das andere.

Flüchtlingskinder haben es nicht leicht. Oftmals werden sie als „Eindringlinge in die Gruppe“ betrachtet, mit ihrer anderen Haut- und Haarfarbe und ihrer fremdartigen Sprache.

Und gerade letzteres ist es, was eine Anknüpfung für sie unglaublich schwierig macht und sie im Unvermögen lässt, das zum Ausdruck zu bringen, was ihnen auf der Seele lastet oder was es in der Schule oder Gruppe an Problemen gibt.

Eingliederung ist eine Sache, die Zeit und gewisse Fähigkeiten erfordert, und das sollte das Vorgehen der zuständigen Behörden berücksichtigen. Sie sollten die Kinder abholen und ihre Füße an den Anfang des Weges setzen, damit sie das Ende des Regenbogens sehen und sich von ihm zu ihren Zielen und der Verwirklichung ihrer Pläne führen lassen können.

Unsere Kinder hatten auf der Flucht in in den ersten Wochen in Deutschland etwas Deutsch mit Youtube-Videos gelernt. Sie schafften einen Aufnahmetest und besuchen jetzt ein münsterisches Gymnasium. Die Jungs haben Träume, sie wollen Piloten und Flugzeugtechniker werden.

Ich und Basem, wir besuchen einen DAZ-Kurs, Deutsch als Zweitsprache. Wir verstehen viel, aber das Sprechen ist schwer. Glücklicherweise haben wir viele gute Bekannte gefunden, die uns geholfen haben. Zum Beispiel dabei, Möbel für unsere kleine Wohnung zu finden. Andere Familien hatten nicht so viel Glück.

Was nach dem Erwerb der Sprache des Landes folgt, ist das Verständnis seiner Kultur, seiner Sitten und Traditionen, und die Gelegenheit, Arbeit zu bekommen – ganz zu schweigen von der Unmenge an Papierkram ohne eine arabische Übersetzung. Die meisten der Flüchtlingszentren stellen zudem kein WLAN zur Verfügung, nur gegen teure Gebühr, so dass die Flüchtlinge dafür zahlen müssen, bis sie irgendwann mit der Übersetzung klarkommen.

Die schwerwiegendste Sorge ist jedoch das zähe Warten auf die Ankunft der Flüchtlings-Anerkennungspapiere, um endlich zu erfahren, wie lange die Duldungsphase hier ist. Wir hatten unser „Interview“ im Asylverfahren vor drei Monaten. Bisher gibt es keinen Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Bis auf eine Familie haben alle anderen hier einen Bescheid erhalten. Fast alle bekommen im Moment nur den subsidiären Schutz, der auf ein Jahr befristet ist. Für uns und die Kinder wäre das keine Perspektive – mit was für einem Gefühl sollen sie zur Schule gehen? Außerdem ist es schwer, eine Wohnung zu finden, wenn man nur Bleiberecht für ein Jahr hat.

Am Ende ist es mir wichtig, zu danken: Danke für viele gütige Hände, die sich ausstreckten, um Tränen zu trocknen und seelische Wunden wegzustreicheln. Danke für den menschlichen Großmut. Danke Deutschland! 

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