Di., 18.10.2016

Die Flucht aus Syrien, Teil 2 Schreckliche Zeiten in Homs

Die Flucht aus Syrien, Teil 2 : Schreckliche Zeiten in Homs

Homs  Foto: dpa

Münster - 

Vor mir tauchen düstere Bilder auf, Homs 2011. Tage voller Schmerz. Die Familien in Syrien wurden zutiefst verwundet. Mein Mann Basem (damals 42) und ich (37) lebten mit unseren vier Kindern in der Mitte Syriens, im Viertel al-Waer. Wir hatten ein eigenes Haus, in dem außer uns noch meine Schwiegermutter Yussra (77) wohnte.

Von Asmaa Aleid

In jedem Haus in der Nachbarschaft hörte man eine andere tragische Geschichte. Hier ist der Vater umgekommen. Hier haben sie einen oder mehrere Söhne zu beklagen. Und das Kind dieser Familie verlor Arm oder Bein, an dem Tag, als es den Ball zu weit warf.

Mohamed Shimalia, ein Freund meines Mannes, starb mit seiner Tochter im Kugelhagel auf offener Straße. Das Kind war in der Klasse meines ältesten Sohnes Amr.

Dort, wo unsere Kinder Amr (damals 11), Tarek (8), und die Zwillinge Luna und Mohammed (6) spielten und lernten, lebten wir unbehelligt, bis wir im März 2011 plötzlich von den Maschinenpistolen und Raketenwerfern der Truppen Assads überrascht wurden.

Die Kinder konnten schon bald nicht mehr in die Schule gehen, weil nebenan die Militärakademie war, von der aus ständig Raketen auf andere Viertel abgefeuert wurden. Heckenschützen auf den Dächern lauerten auf die Bewegungen von Passanten, um sie zu erschießen wie Jagdwild.

Wir verschanzten uns ganz unten in den innersten Zimmern des Hauses, aus Furcht vor den Raketen und Kampfjets.

Sechs Monate lang schliefen wir meistens im Flur zwischen Wohnzimmer und Küche. Wir trauten uns nicht, ans Fenster zu gehen, weil draußen geschossen wurde.

Was wir an Brot hatten, war schnell aufgebraucht, und die Vorräte sparte ich für den Hunger meiner Kinder auf. Alles wurde immer aussichtsloser, und die Kälte kroch uns bis in die Knochen. Es gab keine Heizung und keinen Strom, der die Finsternis im Haus hätte erhellen können, und die Angst beherrschte Groß und Klein.

Alle um mich herum flohen – aus Angst um das eigene Leben und um das der Kinder. Und mein Mann war nicht da. Er arbeitete zu jener Zeit gerade in China.

Am Telefon war er noch optimistisch: „Haltet aus, das dauert nur zehn Tage“, sagte er. Was für ein Irrtum.

Bei Ausbruch des Krieges versuchte er sofort, zu uns zurückzukehren. Doch die Truppen Assads verweigerten ihm den Zutritt in die Region Homs, die nun ihr persönlicher Kriegsschauplatz war. Er saß sogar einmal vier Tage im Gefängnis, weil er ein Gerät aus den USA importieren wollte, mit dem man Trinkwasser produzieren konnte. Damit wäre er einem Verwandten des Assad-Clans ins Gehege gekommen.

Für das Wohlergehen aller war daher der Beschluss zur Flucht unvermeidlich und die einzige Chance, unser Leben zu retten. Es dauerte aber noch bis zum 12. April 2012, bis sich eine reale Chance ergab, heimlich die Stadt zu verlassen.

Wir nahmen ein Taxi für die zweieinhalb Stunden-Fahrt nach Damaskus. An der ersten Straßensperre schickten uns Soldaten schon wieder zurück. Sie drohten mit ihren Waffen. Doch der Taxifahrer versuchte es an einer anderen Stelle erneut. Diesmal klappte es.

Wir ließen alles zurück in unserem wunderschönen Haus, in der Hoffnung, eines Tages zurückkehren zu können. Bis heute weiß ich nicht, ob es noch steht.

In Damaskus trafen wir endlich auf meinen Mann und machten uns sofort an die Reisevorbereitungen. Wir wollten nach Jordanien, bis der Krieg sich gelegt hätte. Es war einer der schwersten Entschlüsse meines Lebens und ich habe immer noch einen Knoten im Hals und ein Brennen in der Brust. Wir weinten, waren unendlich traurig und der Abschied von Syrien schnürte uns die Luft ab.

Glücklicherweise hatte mein Mann einen Neffen in Jordanien, der ließ uns in seinem Haus wohnen. Außerdem besaß er dort noch ein Geschäftskonto. Aber der Versuch, von hier aus zu arbeiten, scheiterte. Jetzt waren wir Flüchtlinge. Basem durfte nicht nach China fliegen, von wo er früher Mode importiert hatte. Ein Jahr und vier Monate hielten wir es dort aus, dann reisten wir weiter in die Türkei.



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