Mo., 31.10.2016

Stephen Rappaport mit deutscher Erstaufführung im Pumpenhaus Von Quantenphysik bis Hitlers Sohn

Stephen Rappaport 

Stephen Rappaport  Foto: Helmut Jasny

Münster - 

Zu den Klängen eines kernigen Soldatenliedes schraubt sich Stephen Rappaport wie ein Butoh-Tänzer ins Bühnenlicht. Mystisch wirken seine Bewegungen und bilden so einen krassen Gegensatz zum dumm-fröhlichen Gesang. Und Gegensätze bestimmen auch den Rest von „The Theory of Everything“.

Von Helmut Jasny

Zu den Klängen eines kernigen Soldatenliedes schraubt sich Stephen Rappaport wie ein Butoh-Tänzer ins Bühnenlicht. Mystisch wirken seine Bewegungen und bilden so einen krassen Gegensatz zum dumm-fröhlichen Gesang. Und Gegensätze bestimmen auch den Rest von „The Theory of Everything“. In dem englischsprachigen Solo des amerikanisch-schwedischen Musikers, Schauspielers und Autors geht es um Wirklichkeit und Imagination, um Gott und Quantenphysik , um Hitler und um tödliche Sexpraktiken. Am Wochenende war das Stück als deutsche Erstaufführung im Pumpenhaus zu sehen.

Rappaport ist ein begnadeter Erzähler mit einer überbordenden, gern ein wenig ins Abseitige driftenden Fantasie. Zunächst versetzt er sich in die Rolle eines Juden, der Adolf Hitler im Café trifft und bei Mokka und Mohnstrudel einen One-Night-Stand festmacht. Später wird aus dem Juden ein junger Wissenschaftler, dessen Ejakulation dem Führer den Kopf förmlich wegbläst. Bis sich am Ende herausstellt, dass der Protagonist niemand anderes ist als Hitlers unehelicher Sohn. Aber vielleicht ist auch das nur eine Fantasie des Erzählers, der hier vom „actor“ zur act whore“ verkommt, wie er selbst einmal kalauert.

Rappaport zuzusehen macht Spaß. Trotz der skurrilen Thematik und der mitunter makaberen Umsetzung. Mit ausdrucksstarker Körpersprache lässt er Bilder vor den Augen des Publikums entstehen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Seine Arme und Hände sind ständig in Bewegung, und mit seinen rot geschminkten Lippen modelliert er die Worte geradezu. Interaktion mit dem Publikum und schnelle Rollenwechsel gehören ebenso zum Programm wie die Einbettung der Handlung in einen ideologischen Überbau. Ausgehend von der Allgegenwart Gottes landet er irgendwann bei der String-Theorie, die er sich geschickt für seine Zwecke zurechtbiegt.

Und dann gibt es noch diese Frau, in deren Rolle er von Zeit zu Zeit schlüpft, um sich selbst und seine Ausführungen zu korrigieren. Er nennt sie zunächst Jill, dann Dominique und schließlich Stephanie, womit sie in einer gendertheoretischen Gratwanderung vom Regulativ zum Alter Ego des Erzählers wird – ein weiteres kleines Vexierspiel in dem großen, das die ganze Aufführung darstellt.



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