Mi., 11.01.2017

Er war der Höhlenmensch aus Münster „Ich will nicht zurück“

Der „Höhlenmensch“ aus Münster vor seinem Unterschlupf

Der „Höhlenmensch“ aus Münster vor seinem Unterschlupf im bayerischen Unterirading Foto: Sepp Eder

Münster/Unterirading - 

Er ist nicht zum ersten Mal von Zuhause abgehauen. Aber diesmal überraschte er die ganze Republik: Der 65-jährige Johannes aus Münster wurde in einer Höhle in Bayern entdeckt. Hier erzählt er seine Geschichte.

Von Sepp Eder

Seine Unterkunft finden eigentlich nur Ortskundige. Sie ist in den Sommermonaten, umgeben von Buchenwald, nur schwer einsehbar. Seit Mitte August 2016 bis zu seiner zufälligen Entdeckung am 21. Dezember lebte ein 65-jähriger Mann in einer schwer zugänglichen Felsenhöhle über dem Donautal bei Unterirading (Gemeinde Pentling ). Der Oberpfälzer, der seit mehr als vier Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen wohnte, war vor circa 28 Monaten aus Münster verschwunden. Jetzt sagt er, warum.

Seine deutlich jüngere Ehefrau, die zwischenzeitlich einen Sohn gebar, hatte ihn als vermisst gemeldet. „Entgegen anderslautender Meldungen will ich“, so sagt er, „nicht nach Hause zurückkehren“. Ob er der leibliche Vater des Kindes ist, könne er nicht mit Gewissheit sagen, meint er.

Schon einmal verschwunden

Auch bei seiner Frau, die er vor sechs Jahren ehelichte, sei er nicht erwünscht. Sie hat schließlich über zwei Jahre lang vergeblich auf ihn gewartet. Ein Lebenszeichen von ihm hat sie nie erhalten.

Johannes war vor fünfzehn Jahren schon einmal für mehrere Monate verschwunden, als er Stress in seiner ersten Ehe hatte. Damals war er in erster Ehe in Beckum verheiratet. Als er damals wieder zu seiner Familie zurückkam, wurde er nach 25 Jahren Ehe geschieden.

Zu seiner damaligen Ehefrau und den Kindern, einer Tochter (30) und einem Sohn (26) hat er keinen Kontakt mehr. Auch zu seiner Schwester, die in Niederbayern lebt, ist seit zwei Jahrzehnten jegliche Verbindung abgebrochen. „Ich weiß nicht genau, wo sie wohnt“, sagt er.

Zurück nach Pentling

Doch zieht es Johannes wie auch diesesmal immer wieder an die Orte seiner Kindheit zurück. Aufgewachsen ist er in einem Ortsteil der Papstgemeinde Pentling. Dort ist er auch in die Schule gegangen. Wie damals in den sechziger Jahren üblich, waren alle acht Klassen in einem Schulraum. Heute ist die Schule ein bekanntes griechisches Lokal.

"

Mir ist einfach wieder alles zu viel geworden.

Johannes über die Gründe seiner Fluchten

"

Wie beim ersten Mal führte ihn sein Weg nach Südosteuropa. War es beim ersten Male Ungarn und Kroatien mit einer Zwischenstation in Österreich, so ging es dieses Mal weiter entlang der Donau über Ungarn, Bulgarien, Rumänien nach Moldawien. Kurz streifte er die Alpenrepublik, Tschechien und die Slowakei. Geld braucht der gelernte Schlosser, der sich in seinem bewegten Leben bis zum Lehrschweißer weiterbildete, wenig. Schwere Krankheiten, mit Koma und Operationen zwangen ihn in die Frühverrentung. Zwei Schlaganfälle und Diabetes kamen hin zu.

Der erste Schlaganfall

„Der erste Schlaganfall hat mir schwer zugesetzt. Der Letzte vor achtzehn Monaten in Ungarn war wohl wieder ein Warnschuss. Eine dauerhafte Schädigung ist nicht vorhanden. Jetzt bin ich gesundheitlich wieder hergestellt. Durch den Gewichtsverlust von 96 auf 68 Kilogramm sind so manche Zivilisationskrankheiten verschwunden“, meint er.

Gearbeitet hat er auf seiner Wanderschaft aber auch. Für mehrere Monate auf einem holländischen Binnenschiff. Mit dem Kapitän hatte er eine Wette laufen, dass er bis Silvester in der Höhle wohnen würde. Leider kam es nicht so weit und damit hat er ein 50 Liter Fass Bier verloren. Im neuen Jahr muss er verschiedene Ämter besuchen, damit er seine Rente wieder selbst erhält. Wer sie in den letzten Monaten erhalten hatte, weiß er nicht.

Gesuchter Opa-Räuber

Voll des Lobes ist er für Pentlings Bürgermeisterin Barbara Wilhelm , die sich rührend um ihn gekümmert hat. Des Weiteren auf die Polizeiinsektion Neutraubling. Im ersten Augenblick nahm man an, den seit Jahren gesuchten Bankräuber von Bernhardwald („Opa-Räuber“) gefunden zu haben. Die Figur und der weiße Bart ließen Rückschlüsse zu. Auch war er vor vielen Jahren einmal kurzzeitig in der Hotelkette zum „Fröhlichen Gitterstab“ untergebracht.

Am Ende sprachen die Körpergröße und der DNA-Abgleich gegen eine Tatbeteiligung.

Aufgespürt hat ihn ein Pentlinger Bauhofmitarbeiter. Die Bevölkerung war sensibilisiert, in den letzten Wochen fanden im Gemeindegebiet vermehrt Einbrüche satt. Johannes hat nichts damit zutun. Es lagen keine Erkenntnisse gegen ihn vor.

Gepflegt und topfit

Wie er sich versorgt hatte, war zunächst unklar - allerdings war er „gepflegt und für die Umstände topfit“, so ein Polizeisprecher. „Ernährt habe ich mich mit Waldfrüchten und Pilzen. Zum Einkaufen ging ich in die Pentlinger Supermärkte. Das Geld dafür bekam er durch Flaschensammeln. So vier bis sechs Euro pro Tag. Gepflegt hat er sich in der Fernfahrerdusche für 50 Cent. Ab und an lud ihn auch ein Bekannter zum Kaffeetrinken ein.

Das Überleben in der Natur hat der Marinesoldat, der vier Jahre mit dem Enddienstgrad (Obermaat) bei Kiel diente, dort erlernt. „Ich war auf einem Minensuchboot, das bei der Olympiade 1972 die Regattastrecke der Segler sicherte, stationiert.“

Gelebt hat Johannes in der fünf Meter tiefen, bis 1,50 Meter breiten und gleichhohen Höhle. Beidseitig mit Planen verhängt, mit einem Tarnnetz und dürren Ästen absolut getarnt. Feuer hat er gemacht. Der Rauch zog ab. Kurz gelüftet, damit keine Gase im Raum waren und so war es rund zehn Grad warm. Eingemummt in mehrere Schlafsäcke verbrachte er die Nächte.

Schwerer Unfall

Einmal rutschte er, als er einen anderen Weg zu seiner Behausung nahm, auf den Blättern ab. Dabei stürzte er circa fünf Meter durch ein kleines Kar ab. Für sechs Wochen war er lädiert. Ein Loch im Kopf und ein vermutlich angebrochenes Steißbein waren die Folge, berichtet er. Heute scherzt er: „Das Fliegen ging, aber die Landung war verheerend.“

In seinem steinernem Heim war ihm Sauberkeit wichtig. Ganz entsetzt sah er die Bilder von durchwühlten Gegenständen. Die Lebensmittel lagerte er links und die Kleidung rechts. Die gefundenen sauberen Damenslips (ca. 15) waren Andenken an amouröse Begebenheiten während der 28 Monate.

"

Das Fliegen ging, aber die Landung war verheerend.

Johannes über seinen Unfall im Wald

"

Sein Elternhaus, das jemand anderer erworben hat, steht leer. Auch das Elterngrab am nahen Dorffriedhof ist aufgelöst. Hier ruhte auch sein Bruder Edgar, der im Alter von elf Jahren unweit der Höhle abgestürzt sein soll. Johannes wohnt zurzeit in einer Obdachlosenunterkunft in Pentling.

Mehr zum Thema



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4551206?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F