So., 12.02.2017

Faszinierendes Tanztheater An die Grenzen des Möglichen

Menschen können fliegen: Die Kompagnie „La Macana“ beweist dies im Pumpenhaus.

Menschen können fliegen: Die Kompagnie „La Macana“ beweist dies im Pumpenhaus. Foto: Katja Illner

Münster - 

Sie fassen einander an die Schläfen, lassen ihre Köpfe und Körper rotieren, taumeln durch den Bühnenraum. Verletzliche Wesen, manipuliert von einem dominanten Partner, der sie so lange malträtiert, bis einer von ihnen leblos zu Boden fällt. Grotesk, wie ein Mann trotzdem weitertanzt, weil sein Gegenüber partout nicht aufhören will, den toten Körper auf die Beine zu stellen. Mal wirft er ihn über die Schulter, mal wiegt er ihn in seinen Armen. Dass der tanzwütige Komiker bei seinem aberwitzigen Duett beinahe eine dritte Figur niederstreckt, scheint er gar nicht zu bemerken. Oder ist dies gar die Seele des Toten, die ihren Weg erst noch finden muss?

Von Isabell Steinböck

Eindeutig ist nichts bei Julio César Iglesias Ungo, der mit seiner Kompagnie „La Macana“ im voll besetzten Pumpenhaus auftrat. Vieles lässt sich assoziativ füllen, steht jedoch in dramaturgisch loser Reihe nebeneinander, so dass man mitunter den roten Faden verliert. Ein Schwachpunkt der Inszenierung, den die tänzerische Perfektion dieser Ausnahmetruppe leicht ausgleicht. Es geht um „Invisible Wires“, unsichtbare Verbindungen, die Individuen miteinander teilen und die Ungo in kraftvoll-dynamische Bewegung übersetzt. Etwa, wenn einer der Tänzer über eine verlorene Liebe spricht und sich das Paar anschließend in einer erotisch aufgeladenen Choreografie begegnet, die geprägt ist von Kampf und unbedingter Hingabe. Grandios, wenn Tanja Marin Friojónsdóttir ihren Partner anspringt wie ein wildes Tier. Wie sie sich im Flug in seine Arme schraubt, auf die Schultern klettert und ihm ins Gesicht fasst, als wollte sie ihn überwältigen.

„La Macana“ ist bekannt für junge Körperkunst, die Streetdance-Elemente mit zeitgenössischem Tanz und Akrobatik verbindet. Dass Ungo ebenso wie Friojóndóttir aus der Kaderschmiede des Belgiers Wim Vandekeybus stammt, ist unverkennbar, bringt der Kubaner seine Tänzer zur Rockmusik von E-Gitarrist Niko Hafkenscheid doch bis an die Grenzen des Möglichen . Afonso Castros Lichtdesign hebt ausdrucksstarke Tanzmomente in großflächigen Schattenbildern auf eine metaphysische Ebene.

Beeindruckend, wie sich die Dynamik zum Ende des Programms immer weiter steigert und das Publikum geradezu mitreißt in einen Strudel fallender, sich aufbäumender Körper: großer Applaus.



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