Sa., 18.02.2017

Skulptur-Projekte 2017 Eine erste Künstler-Liste: Ideen zwischen Hoffen und Bangen

Aram Bartholl – hier mit den Kuratorinnen Marianne Wagner (l.) und Britta Peters – will Münsters Tunnel der Düsternis und Tristess in eine Art prekären Palast verhandeln.

Aram Bartholl – hier mit den Kuratorinnen Marianne Wagner (l.) und Britta Peters – will Münsters Tunnel der Düsternis und Tristess in eine Art prekären Palast verhandeln. Foto: Hanna Neander

Münster - 

Es gibt noch keine offizielle Künstlerliste. Aber hier und da sind schon Namen gefallen, Vorhaben angedeutet worden. Die Westfälischen Nachrichten haben all diese Informationen zusammengetragen.

Von Gerhard H. Kock

Keine vier Monate mehr, dann wird es in Münster unruhig. Wie alle zehn Jahre. Die „Skulptur-Projekte 2017“ finden vom 10. Juni bis 1. Oktober statt, viele Künstler waren bereits in der Stadt, einige Vorhaben stehen fest, andere erfordern noch viel Überzeugungskraft der Kuratoren Kasper König , Britta Peters und Dr. Marianne Wagner sowie nicht zuletzt Kompromissbereitschaft der Partner.

Denn der öffentliche Raum mit seinen vielen Interessen, Inhabern und Regeln zählt sicher zu den schwierigsten Ausstellungsplätzen. Insofern stecken einige der schönsten Projekte noch zwischen Hoffen und Bangen. Es gibt noch keine offizielle Künstlerliste . Aber hier und da sind schon Namen gefallen, Vorhaben angedeutet worden. Die Westfälischen Nachrichten haben all diese Informationen zusammengetragen:

Der Japaner Ei Arakawa wird die Besucher entlang der historischen Skulptur-Projekte-Aasee-Route Oldenburg-Kugeln, Philipsz-Brückengesang, Trockel-Hecke und Judd-Ringe zum Haus Kump ziehen lassen, wo die Besucher ein aus LEDs genähter, „singender Screen“ erwartet, der Kunstmotive in der Landschaft aufleuchten lässt, wie vielleicht Gustave Courbet („Die Steinbrecher“).

Das Lagerfeuer als Kommunikationsort will Aram Bartholl an drei Orten ins 21. Jahrhundert holen: Die Stellen am H1-Tunnel, Fernsehturm und Pumpenhaus werden unterschiedliche Angebote machen, die Licht wie in einem postapokalyptischen Szenario generieren.

Andreas Bunte kommt zwar aus der Neanderthal-Stadt Mettmann, will aber Handy und Smartphones ins Skulptur-Projekte-Spiel bringen – wie auch immer.

Wohl 30 dicke Bände werden es werden, wenn Jeremy Deller in einer münsterischen Kleingarten-Anlage die Tagebücher ausstellen wird, die münsterische Kleingärtner seit 2007 für sich, den englischen Künstler und bald die gesamte Kunstwelt geführt haben.

Ein Brunnen. Das klingt derart „old fashioned“. Doch das Wasserspiel von Nicole Eisenman soll „ästhetisch ausgefallen“ sein, verspricht Kuratorin Britta Peters. An der Kreuzschanze werden Figuren aufgestellt, die eher geschlechtsneutral, denn weiblich sind. Aus den an die drei Metern hohen zwei Bronzen und drei Gipsfiguren der Amerikanerin mit Geburtsort Verdun (Frankreich) wird das Wasser aus Öffnungen an Beinen oder Brüsten eher lecken und tropfen als sprudeln.

Der britische Konzeptkünstler Cerith Wyn Evans will sich wohl skurril dem Akustischen verschreiben. Mittels eines Kälteaggregats rückt er einer Kirche zu Leibe, genauer der Glocke. Vielleicht werden die Münsteraner dann mal hören, wie ein Winter-Geläut im Sommer klingt.

Eines der sicher wichtigsten und populärsten Projekte könnte ein frischer Weg werden. Ayse Erkmen will die Besucher am Hafen über Wasser laufen lassen – vom schicken zum noch nicht schicken Kai. Allerdings stehen noch Fragezeichen hinter der Genehmigung.

Münsters Verbindung zu den Kolonialkriegen wird Lara Favoretto sichtbar machen. Sie stellt einen monolithischen Quader als Spardose an das Train-Denkmal. Es ehrt die Soldaten, die beim Boxer-Aufstand in China oder in Süd-West-Afrika beim Völkermord an den Hereros gefallen sind. Dieses „Momentary Monument“ der Italienerin steht damit gegenüber der Ausländerbehörde am Ludgeriplatz, wo Ausländer um ihre Aufenthaltsgenehmigung bangen müssen. In der Steinskulptur (Peters: „Es ist schwierig, einen solch großen Stein in einem Steinbruch zu finden“) werden Spenden für die Gefangenenhilfe Büren (Paderborn) gesammelt, die sich um die Flüchtlinge in der Abschiebe-Haftanstalt des Landes Nordrhein-Westfalen kümmert. Der Stein wird nach der Ausstellung zerkleinert und einem Bauunternehmer übergeben, der die Steine vielleicht in Münster verbauen wird.

Reizvoll kann die Arbeit von Hreinn Fridfinnsson werden; als Jahrgang 1943 wird er einer der ältesten Teilnehmer der Skulptur-Projekte sein. Seit 1974 stellt der Isländer Häuser in Landschaften. Sein viertes „Haus“ kommt in den Sternbuschpark – ein Haus-Skelett aus hochpoliertem Edelstahl, in dem sich der Park spiegeln wird.

Autoren-Reigen an der Hüfferstraße

Die Skulptur-Projekte gehen den öffentlichen Raum Münster auch mit „writers in residence“, Stadtschreibern an. An der Hüfferstraße werden sie in einem Haus arbeiten und sich der Atmosphäre von Stadt und Ausstellung aussetzen. Es soll jeweils einer der zehn Autoren anwesend sein, so dass sie einander sozusagen den Stift in die Hand geben. Unter dem Titel „Authors in Residency“ wurden eingeladen: Monika Rinck, Valentinas Klima­sauskas, Shane Anderson, Sabine Scho, Martina Hefter, Katharina Merten, Hendrik Jackson, Philipp Gehmacher, Daniel Falb und Orsolya Kalasz.

Die gesamte Zeit der Skulptur-Projekte werden Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen im Pumpenhaus das Theaterprojekt „Kabuki Noir Münster“ proben mit all den Reibungen und Leidenschaften, die die neun Protagonisten in dem Theaterhaus aushalten und produktiv nutzen müssen oder wollen. Und die Besucher dürfen dabei zusehen.

Von der Arbeit des Franzosen Pierre Huyghe ist bislang lediglich der Ort bekannt. In der leeren Eissporthalle (ein Haus im Abriss-Wartestand) soll eine große Installation entstehen.

Der New Yorker Justin Matherly wollte wohl mal das Denkmal „Unteilbares Deutschland“ auf dem Servatiiplatz zeitweise ersetzen. Doch das erste Beton-Denkmal Münsters von Anni Buschkötter bleibt stehen. Trotzdem will der Amerikaner dort wohl eine skulpturale Arbeit zeigen.

Wie klingt Münster? Das umtreibt Emeka Ogboh aus Nigeria. Sein Sound von Münster könnte vielleicht im Hamburger Tunnel zu hören sein. Der Afrikaner greift Musik mit Münster-Bezug auf wie die des weltberühmten Komponisten Moondog, der sein Grab auf dem Zentralfriedhof hat. Ferner wird es Soundscapes der Stadt geben und gregorianische Chöre aus dem Dom.

Das größte Geheimnis verbreiten wohl Xavier Le Roy und Scarlett Yu. Über die 100 Tage hinweg initiieren sie performative Aktionen im öffentlichen Raum wie Zwiegespräche mit Passanten. Bis dato steht in Skulptur-Projekte-Zeiten jede Baustelle unter Kunstverdacht, ab Juni könnte es jedes halbwegs auffällige Verhalten in der Stadt sein. Das dürfte spannend werden.

Die Internationalität von Konsum und Wirtschaft treibt Mika Rottenberg um. Die Argentinierin will einen Asia-Laden einer globalen Ladenkette einrichten und dabei die Laden-Realität in Münster geheimnisvoll in eine filmische Realität übergehen lassen.

Kirschen für Münster – Melonen für Marl

Mit Marl haben die Skulptur-Projekte Münster einen spannenden Satellitenstandort gefunden. Die Geschichte beider Städte repräsentiert zwei höchst unterschiedliche Wege in die Moderne, ein höchst unterschiedlicher Umgang mit zeitgenössischer Kunst. Zwischen Marl und Münster wird es einen Skulpturen-Tausch geben. Marl wünschte sich die Kirschen von Thomas Schütte. Der hatte eine bessere Idee. Schon 1987 beschäftigte er sich mit Melonen. Doch für Münster kamen die Kirschen auf den Harsewinkelplatz. Jetzt will Schütte die Idee aufgreifen und für Marl Melonen auf eine Säule stellen. Dadurch bekämen diese so ungleichen Stadtgeschwister eine bildstarke Verbindung.Eigentlich wollte Christian Odzuck die markante Treppe der Oberfinanzdirektion als Teil seines Projektes nutzen. Nun ist sie futsch. Trotzdem will der Düsseldorfer auf der Brache eine Arbeit realisieren.

Das Duo „Peleș Empire“ bezieht sich auf das Schloss „Peleș“, in dem sich der rumänische König Carol alle möglichen Stile beliebig zusammenkopiert hat. Katharina Stöver und Barbara Wolff werden eine acht Meter hohe und lange Hütte auf den Behördenparkplatz am Aegidiimarkt aufstellen und darin eine Bar einrichten. Die Fassade ist von Münsters Prinzipalmarkt zusammenkopiert, die Foto-Oberfläche zeigt den „Peleș“-Palast. Das könnte ein Szene-Treff werden.

Im Friedenssaal will Alexandra Pirici täglich von 16 bis 20 Uhr eine Dauer-Performance aufführen. Vier Performer agieren als Schnittstelle zwischen dem historischen  Raum und dem digitalen „Wissen“. Die choreographierte Performance wird sich mit Nationalitäten, Grenzen, Identitäten befassen, kurz: mit allem, was zum Thema Westfälischen Frieden passt.

Gregor Schneider wollte mal Autos durchs Landesmuseumsfoyer fahren, jetzt will er Besucher in etwas Labyrinthisches im Landesmuseum wandeln lassen. Zu betreten nur durch den Notausgang!

Münsters edler Kunsttempel wird auch von Nora Schultz traktiert. Aus Marl kommt Olle Bärtlings Draht-Skulptur „YZI“, und Drohnen-Videos „zerlegen“ die Architektur des Landesmuseums mit den neuen Bewegtbild-Rhythmen.

Bei Michael Smith dürfen sich über 65-Jährige in der „Tätowiersucht“ am Hansaring kostengünstig ein Motiv ihrer Wahl stechen lassen.

In Videos im Aegidiimarkt thematisiert Koki Tanaka (Japan) den Menschen als soziale Skulptur.

Vom Amerikaner Oscar Tuazon (Seattle) ist bislang nur bekannt, dass es eine Skulptur geben wird.

„Hell Yeah We Fuck Die“ sind laut Billboard-Charts die am häufigsten gesungenen Wörter. Hito Steyerl wird das Thema bildhaft machen, aber nicht mehr im Landesmuseum.

Mit einer „Grandtour“ schließlich lockt ein Team junger Künstler aus Münster Besucher zu einer Art Fast-Food-Kunstkonsum: die Skulptur-Projekte 2017 in 45 Minuten. Wie das gehen soll, ist vermutlich eine Kunst für sich.



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