Do., 23.02.2017

Ensemble Artig der Marienschule brilliert mit „Von hohen Ufern tiefe Blicke“ Mörderische Übermenschen

Es verschlägt einem den Atem, wie das Ensemble „Artig“ Ideologien der Menschenverachtung entlarvend auf die Bühne bringt.

Es verschlägt einem den Atem, wie das Ensemble „Artig“ Ideologien der Menschenverachtung entlarvend auf die Bühne bringt. Foto: Wolfgang A. Müller

Münster - 

Ich wollte damals erfahren, so schnell wie möglich erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mensch“, begründet der Doppelmörder Raskolnikow seine Tat. Doch mit „Mensch“ meint Dostojewskis Romanfigur: wie Napoleon sein, ein Herrscher, über der Moral und der Masse stehend. Ein Außergewöhnlicher, ein Übermensch.

Von Wolfgang A. Müller

„Ich wollte damals erfahren, so schnell wie möglich erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mensch“, begründet der Doppelmörder Raskolnikow seine Tat. Doch mit „Mensch“ meint Dostojewskis Romanfigur: wie Napoleon sein, ein Herrscher, über der Moral und der Masse stehend. Ein Außergewöhnlicher, ein Übermensch.

Das Theaterensemble „Artig“ der Marienschule hat nicht nur in „Verbrechen und Strafe“ (in früheren Übersetzungen auch „Schuld und Sühne“) gestöbert, um die Grundlagen einer Ideologie der Menschenverachtung freizulegen. Als Raskolnikows Erben im Geiste treten im Theater im Pumpenhaus auf: die beiden Columbine-Attentäter Eric Harris und Dylan Klebold und Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Utöya. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie „Von hohen Ufern tiefe Blicke“ – so der Titel der Produktion – auf die vermeintlich Minderwertigen werfen.

Schon beim Empfang durch die Darstellerinnen, die Flüche, Namen von Waffen und hehre Ideale skandieren, ahnt das Publikum, dass dieser Ausflug in mörderische Gedankenwelten kein sonniger Spaziergang wird. Es braut sich etwas zusammen, Unheil liegt in der Luft. Reihum geht durch die Körper der 16 Schülerinnen eine in Zaum gehaltene, aggressive Anspannung. Alle sind uniform in Schwarz gekleidet und mit blutroten Bändern ausgerüstet.

Literarisches und dokumentarisches Material befeuert die drei Erzählstränge. Das Ensemble agiert beunruhigend düster, manchmal lautstark, dann wieder leise von Enttäuschungen und romantischen Fantasien kündend. Ein riesiger Teddy markiert eine verlorene, heile Welt. Deklamation und actionreiche Choreographie wechseln sich ab. Stühle werden gerückt, zu Pyramiden verbaut, rhythmisch auf den Boden gestampft oder auch manchmal quer über die Bühne gepfeffert. Undeutliches Gegrummel, Notrufe aus der Schule ertönen im Hintergrund, ein hoher Pfeifton schwillt, als das Massaker in Littleton dargestellt wird. Nicht nur hier vermittelt der schiere Ernst der Darstellerinnen eine geradezu Atem verschlagende Drastik.

Eine Erklärung des Schreckens geben die furchtbaren Übermenschen allesamt am Ende selbst: „Es war meine Entscheidung“, lautet es unisono. Eine immer lange und ausgefeilt geplante, die auf verquasten politisch-philosophischen Vorstellungen gründet, wie Breiviks rechtsextremistische „Manifest“ offenbart. Er brüstet sich mit seiner logistischen „Leistung“. In einem sehr perversen Sinne hat er es tatsächlich geschafft, außergewöhnlich zu sein.

Der Leistung, hier ein packendes und aufwühlendes Stück geschaffen zu haben, darf sich indes das Ensemble „Artig“ rühmen. Eine Einladung zur Theaterwoche Korbach ist auch schon eingegangen, verlautbarte Regisseur Christian Reick am Ende der mit stehenden Ovationen bedachten Premiere.



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