Mo., 20.03.2017

Stalin geht in die Oper Julian Barnes’ Roman „Der Lärm der Zeit“

Stalin geht in die Oper : Julian Barnes’ Roman „Der Lärm der Zeit“

Foto: dpa

Ein Mann steht nachts am Fahrstuhl. Er hat einen kleinen Koffer mit Habseligkeiten neben sich stehen, er wartet, raucht. Nicht, weil er irgendwo hin möchte. Sondern, weil er bereit sein will für den Fall, dass die Staatsmacht ihn abholt.

Die surreal anmutende Szene eröffnet das erste der drei Großkapitel eines Romans, in dem der englische Autor Julian Barnes das Schicksal des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch skizziert. Dessen Leben und Leiden unter der Stalin-Diktatur wurde schon mehrfach beleuchtet. Barnes hat allerdings einen besonderen Zugang gefunden.

Es sind drei Schicksalsjahre für Schostakowitsch, die den Roman strukturieren, ein seltsamer Dreiklang der Schaltjahre 1936, 1948 und 1960. Diktator Stalin besuchte 1936 die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, was zum vernichtenden Prawda-Leitartikel „Chaos statt Musik“ führte. Der Komponist fürchtete um sein Leben, wandelte sich zum scheinbar linientreuen Künstler, wurde aber 1948 gemeinsam mit Kollegen neuerlichen Repressalien ausgesetzt. Dennoch sorgte Stalin dafür, dass der bekannteste Komponist des Landes die Sowjetunion bei einem Kongress in den USA repräsentierte. Und nach Stalins Tod, in der „Tauwetterperiode“, konnte Schostakowitsch sein Leben scheinbar frei von Druck fortsetzen – doch der Apparat ließ niemals locker, und die psychischen Beschädigung nagte an Schostakowitsch.

Obwohl Barnes viele Details aus der Biografie des Komponisten einflicht, liegt der Schwerpunkt klar auf der psychischen Befindlichkeit. Das Buch ist einfühlsame Studie und sorgsam komponierter Roman zugleich, kein schlichtes Nacherzählen. Und es zeigt, dass Kunst weitaus existenzieller ist, als bloßer Zeitvertreib zu sein.

Zum Thema

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 246 Seiten, 20 Euro



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