Mi., 19.04.2017

Manfred Kosche führte das Deller-Tagebuch des Kleingartenvereins „Lebensfreude Post“ Mit Witz und Akkuratesse

Manfred Kosche hat für die „Lebensfreude Post“ das Tagebuch mit Klugheit und Humor geführt.

Manfred Kosche hat für die „Lebensfreude Post“ das Tagebuch mit Klugheit und Humor geführt. Foto: Gerhard H. Kock

Münster - 

Akkuratesse und Humor stehen nicht gerade im Verdacht, die engsten Freunde zu sein. Bei Manfred Kosche ist das anders. Einige Schelmereien hat der 78-Jährige als Tagebuchführer für den Kleingartenverein „Lebenfreude Post“ von 1919 in den opulenten Wälzer gepackt. Ein Werk, das ein breites Themenspektrum abdeckt wie wohl kein zweites, sorgfältig gestaltet und höchst anspielungsreich ist.

Von Gerhard H. Kock

Aus all seinem Bildungsreichtum sticht der Humor heraus: „Garten Eden – Sünder willkommen“ heißt es über einer Gartenhütte. Oder es werden Löwenzahn und Kaktus lyrisch fröhlich zu ungleichen Geschwistern gereimt: „Frühlingsblitz“ und „Schwiegermuttersitz“.

Fotostrecke: Skulptur-Projekt „Jeremy Deller“: Manfred Kosche

Kurioses wie ein Maikäfer in Krokus-Blüten wird registriert oder auch Klagen wie die Schneckenplage im Jahr 2008, als nicht nur die Salate in Gefahr waren; es seien derart viele gewesen, dass auf dem Rasen „für den Fuß kein Platz mehr blieb“. Ursula Eickholt klagt dazu in schönen Versen: „Die Schnecke gleitet unverdrossen, in meinem Garten zu den Sprossen. Das Unkraut meidet dieses Tier, und frisst die Blumen voller Gier.“

Kosche hat Kleingärtner-Freunde zu Berichten eingeladen. So gibt es ein bisschen Kleingarten-Geschichte, wenn Elisabeth Meyer davon berichtet, wie der erste Sohn von Vieren gerade geboren war und sich ihr Mann für den Garten entschied, zu dem sie eine Stunde zu Fuß laufen musste. Er wurde Treffpunkt für die große Familie. Licht spendete eine Petroleumlampe. Gemüse wurde eingekocht, Marmelade und Gelee hergestellt, Saft zubereitet. Von wegen: „Ex und hopp“. Maria Kosche sinniert über die „Botschaft der Blumen“ besonders im Mai. Dieser Monat benötige viele Schönheiten davon: Muttertag, Marien-Altäre und Hochzeiten, die vielen Einladungen übers Jahr nicht zu vergessen: „Blumen sind Botinnen des Wohlwollens, Zeichen von Wertschätzung, Aufmerksamkeit, ja Liebe.“

Das Buch ist schön geschrieben (Kosche ist technischer Zeichner und kann Kalligraphie) sowie reich an Themen: Er hat sich mit den Kirchenfenstern von Gerhard Richter in Köln beschäftigt: „Gottes Schöpfung ist eben mal sehr bunt und darum gehört es in Deutschlands größtes Gotteshaus.“ Aus England hat Kosche Teller eines Künstlers fotografiert und ins Buch eingebracht, weil gärtnerische Motive abgebildet sind. Apropos international: Seine Kinder tummeln sich in aller Welt. Bei seiner Tochter in den USA hat Kosche die Kermesbeere wiederentdeckt, die in seinem Garten ebenfalls zu finden ist – nur dass sie hier ein Neophyt, eine neu zugezogene Pflanze ist.

Nettigkeiten aus dem Vereinsleben sind notiert: So trifft sich eine Fünfer-Gruppe aus drei Kleingartenvereinen zum Doppelkopf-Spiel. Wegen des Termins (9 bis 12 Uhr) heißt das Herren-Quintett „Die Kakao-Bubis“. Dass der Vorsitzendes des Vereins ein „Weißes Haus“ hat, ist schön gesehen und eine nette Parallele, auch wenn der kein Präsident ist.

Immer wieder streut Kosche Weltpolitisches ein: die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko (Deepwater Horizon), der Ausbruch des Vulkans „Tungurahua“ in Ecuador oder der große Eisabbruch in der Arktis im März 2008 und natürlich Fukushima 2011. Gelegentlich wird Literarisches eingefügt, wie ein Stück „Erde“ von Annette von Droste-Hülshoff: „Der Gärtner über die Blumen gebeugt, / Spürt an der Sohle den Tau, / Gleich von nächsten Halme er streicht / Lächelnd die Tropfen lau.“ Zum Abschluss gibt es Wilhelm Busch. „Das ist mein Lieblingsautor, den hatte ich schon als Kind auf dem Schoß.“ Nun hat Manfred Kosche selbst ein humorvolles Opus vorgelegt.

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Jeremy Deller hat 2007 Münsters Kleingärtner gebeten, für sein Skulptur-Projekt zehn Jahre lang Tagebuch zu führen. Die Westfälischen Nachrichten haben einen Blick in die opulenten Werke geworfen.  | Wird fortgesetzt

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