So., 30.04.2017

Starkes Solo im Pumpenhaus Oma turnt am Ofenrohr

Sabeth Dannenberg illustriert mit Turnübungen Erinnerungen. Die können schön und heiter, aber auch schrecklich sein.

Sabeth Dannenberg illustriert mit Turnübungen Erinnerungen. Die können schön und heiter, aber auch schrecklich sein. Foto: Erich Saar

Münster - 

Sabeth Dannenberg muss man sich als altes Muttchen vorstellen, zittrig bis zum Gehtnichtmehr und vom Leben derart gebeugt, dass ihr Körper einen rechten Winkel bildet. So kraucht sie in ihrer Solo-Performance „Die Schwalben fressen Mehl“ über die Bühne des Pumpenhauses, knetet Teig und hantiert am Herd, der zusammen mit dem Fransenteppich, einer hölzernen Truhe und mehreren Topfpflanzen ein passend altmodisches Ambiente abgibt.

Von Helmut Jasny

Im richtigen Leben ist Dannenberg 26 Jahre jung und höchst agil. Als Absolventin der Folkwang-Uni Essen hat sie sich auf Physical Theatre spezialisiert, das sie mit einem Schuss Akrobatik mischt. Dazu dient ihr das Ofenrohr, das sich als Chinesischer Mast entpuppt – ein vier Meter hohes Zirkusgerät, an dem die Performerin zwischen den Oma-Szenen herumturnt.

Das ergibt durchaus Sinn. Denn was hier gebacken wird, sind Caladinhos, eine Art Plätzchen, die im Widerstand gegen die Diktatur in Portugal eine Rolle spielten. Und die Turnübungen, bei denen sich der Körper der alten Frau in den einer Akrobatin verwandelt, sind Erinnerungen, die Dannenberg geschickt in ihre Geschichte einbaut. Diese Erinnerungen können durchaus schön sein und eine unbeschwerte Jugend heraufbeschwören. Dann turnt die Oma behände am Mast herum – ein junges Äffchen, das seine körperlichen Fähigkeiten entdeckt.

Sie können aber auch Folter und Unterdrückung ins Gedächtnis rufen. Dann hängt sie mit gefesselten Händen und schmerzhaft verzerrtem Gesicht am Mast. Oder es sind gar keine Erinnerungen, sondern schiere Notwendigkeit. Beispielsweise, wenn der Herd qualmt und das Hutzelweibchen das Ofenrohr erklimmt, um den Abzug freizubürsten. Den Staubwedel zwischen den Zähnen wie ein Pirat den Dolch.

Dannenberg lässt sich Zeit bei ihrer Performance. Stumm und ganz auf den körperlichen Ausdruck bedacht, zelebriert sie den Alltag der Protagonistin und lässt dabei auch die Komik nicht zu kurz kommen. Sorgsam bringt sie die Fransen des Teppichs in Form, schmückt die Stube und kramt in der Truhe nach dem Schnapsfläschchen. Umso wirksamer vollzieht sich dann die Erinnerungsakrobatik, und der Zuschauer bekommt einen Eindruck, wie sehr Vergangenheit unser Leben bestimmt. Eine poetische Vorstellung, die ganz ohne Worte auskommt.



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