Fr., 19.05.2017

Wolfgang-Borchert-Theater Arna Aleys Täufer-Stück „Das neue Jerusalem“: Großes Fressen, kleine Moral

Täuferkönig Jan van Leiden (Florian Bender, stehend) tafelt mit Divara (Jannike Schubert, l.), Rothmann (Sven Heiß) und Elisabeth (Hannah Sieh).

Täuferkönig Jan van Leiden (Florian Bender, stehend) tafelt mit Divara (Jannike Schubert, l.), Rothmann (Sven Heiß) und Elisabeth (Hannah Sieh). Foto: Klaus Lefebvre

Münster - 

Das Täuferreich in Münster: Wer denkt bei diesem Stichwort nicht an Schreckensgewalt und Käfige in Kirchturmhöhe, an skrupellose Gestalten und deren qualvolle Hinrichtung – kurzum: an das ganze blutige Brimborium vor spätmittelalterlicher Kulisse?

Von Harald Suerland

Arna Aley tut das nicht. Genauer: Die Autorin versagt sich und ihrem Publikum jenes gänsehautfördernde Spektakel, bei dem man sich am Schrecklichen labt, während die Inhalte im Faltenwurf des Kostümfests verschwinden. Ihr Stück „Das neue Jerusalem“, ein Auftragswerk des Wolfgang-Borchert-Theaters zum 500. Reformationsjubiläum, endet zu einer Zeit, da Jan van Leiden die Krone des Täuferkönigs noch fest auf dem Haupt hat. Die Schlussszene mit der Anbetung eines Golems und dessen überraschender Enthüllung reicht ihr als Ausblick. Man weiß ja, wie das endet.

Eher ein Lehrstück als ein Spektakel ist „Das neue Jerusalem“, es zeigt, wie Verführung und Machtergreifung funktionieren, wie sich religiöse und politische Überzeugungstäter eines charismatischen Menschen bedienen, der die Massen sektengleich in den Bann schlägt. Denn im ersten Teil holen Rothmann, Matthys und Knipperdolling den „Schauspieler“ Jan van Leiden nach Münster, um ihn für ihre Täuferzwecke einzuspannen.

Fotostrecke: "Das neue Jerusalem" von Arna Aley

Der wird seiner Rolle bestens gerecht, spinnt aber schon die Fäden – und entpuppt sich im zweiten Teil, nach selbst vollzogener Krönung, als skrupelloser Machtmensch, der nicht nur die Ehefrau des Matthys übernommen hat, sondern auch seinen Getreuen Knipperdolling peinigt und hemmungslosem Hedonismus frönt. Derweil leidet das Volk unter der Belagerung durch den Fürstbischof.

Arna Aley, die dem Borchert-Theater bereits „Die letzte Soirée“ auf den Theaterleib geschrieben hat, konstruiert das zwar überzeugend, setzt auch mit den Bischofsszenen einen passenden Rahmen. Womöglich liegt es aber an den allbekannten starken Bildern über das Täuferreich, dass ihr Stück doch ein bisschen papieren wirkt. Regisseur Meinhard Zanger wagt daher einen Spagat: dem pädagogischen Sinn der Sache gerecht zu werden und zugleich sinnliches Augen- und Ohrenfutter zu bieten. Die Bischofsszenen zu Beginn beider Teile kommen ihm gerade recht: Monika Hess-Zanger, vor dem roten Vorhang thronend, gibt da einen selbstherrlichen Kirchenmann, der seine Anwürfe auch gegen Gott schleudert und an der Rotweinflasche Halt sucht, bevor er wieder einnickt.

Bezwingende Atmosphäre

Darko Petrovics Bühne dahinter zeigt eine variabel bespielbare Arena mit Brecht-Gardine, in deren Halbrund sich gerade so viel Kostüm und Szene findet wie nötig. Das Volk ist ein achtköpfiger Chor mit zeitweiligen Masken, verkörpert von Darstellern der Schauspielschule „der Keller“. Neben solch distanzierenden Stilmitteln findet sich aber auch satte Dramatik, vor allem in der Rolle des Jan van Leiden: Dem bewährten Borchert-Helden Florian Bender nimmt man sowohl die charmante Beredsamkeit als auch die Rücksichtslosigkeit ab. Differierend sind die anderen Täufer gezeichnet.

So wirkt der Rothmann des Sven Heiß als geradliniger Charakter, der kaum merkt, was er anrichtet, während Knipperdolling als Übertölpelter am Ende nur schäumen kann: eine große Szene für Jürgen Lorenzen. Für die Gestaltung der Divara, gespielt von Jannike Schubert, setzt Regisseur Zanger ebenso bewusst auf Exotik-Klischees wie bei der Musik auf Anachronismen. Bei der Doppel-Verführung Divaras und ihrer Schwester (Hannah Sieh) sorgen die raffinierte Lichtregie und Samel Barbers Klänge für bezwingende Atmosphäre. Das krasse Gegenteil ist die vorletzte Szene: Während die Täufer-Clique tafelt, kriechen rattengleiche Gestalten um sie herum. Das Ende naht.

Zum Thema

Nächste Aufführungen an diesem Samstag um 20 Uhr, am Sonntag um 18 Uhr

www.wolfgang-borchert­-theater.de

Großer Applaus für ein Münster-Stück, das über den regionalen Bezug weit hinausweist.



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