Fr., 19.05.2017

Cactus zeigt im Pumpenhaus „Vom Schwinden“ Eine Frage der Erinnerung

Verkehrte Rollen: Theater Cactus zeigt eine Welt, in der die Jungen vergessen und die Alten sich um die Jungen kümmern müssen.

Verkehrte Rollen: Theater Cactus zeigt eine Welt, in der die Jungen vergessen und die Alten sich um die Jungen kümmern müssen. Foto: Erich Saar

Münster - 

Mädchen, die schlafwandlerisch den Kopf wiegen. Ältere Frauen kümmern sich wuselnd um sie. Bekannte Songs werden eingespielt, Lena singt ihren alten Grand-Prix-Hit, Udo Jürgens war noch niemals in New York. Die Musik hakt, jault und verschleift. Allmählich wird klar, dass hier etwas verschwindet, bis es verloren ist.

Von Arndt Zinkant

Es sind nicht etwa Männer und Jungen (wie man vermuten könnte, wenn man die 14 Darstellerinnen sieht) – sondern Erinnerungen. Nur Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren sind von einer seltsamen Erinnerungskrankheit befallen. Aus diesem dystopischen Szenario ist das Stück „Vom Schwinden“ entwickelt, das im Pumpenhaus erfolgreich Premiere feierte.

Die Collage vom Jungen Theater Cactus und dem Theaterkollektiv „art+weise“ bringt eine Vielzahl philosophischer Gedanken, rührende wie auch lustige Szenen auf die Bühne. Die Inszenierung von Judith Suermann und Lea Bullerjahn ist nicht nur technisch einfallsreich (Video: Sersch Hinkelmann). Für einen wirklich großen Wurf mangelt es aber an Tiefenschärfe und wird es nach spätestens einer Stunde zu redundant. Immerhin werfen die Schauspielerinnen (acht Mädchen und sechs Frauen über 60) große Lebensfragen auf: Was macht mich aus, wenn ich mich nicht mehr kenne? Ist es wichtiger, sich zu erinnern oder bei Anderen liebevoll im Gedächtnis zu bleiben? Ist Vergessen gar ein Segen, weil es Neuanfang und Abenteuer ermöglicht?

Dieser spannende Aspekt hätte mehr Beachtung verdient. Die zwei intellektuellsten Girls der Truppe liefern sich Rededuelle und fetzen sich Nietzsche um die Ohren: Verdammt Erinnerung Menschen dazu, verhängnisvolle Fehler erneut zu machen – wie das Dritte Reich? Oder bewahrt kollektives Gedächtnis davor?

Meist aber spielen sich die Szenen im Privaten ab. Mädchen bestaunen alte Familienfotos, können die Personen allerdings nicht zuordnen. Sie wissen nicht, wie man rechnet oder was ein Frühstücksbrötchen ist. So werden sie für ihre Mütter wieder wie Kleinkinder, denen man das Lieblingskleid vorschreibt. Die fidelen, teils ergrauten „Golden Girls“ treiben auf Kosten der Teenies sogar Schabernack, was im Publikum mit Lachern quittiert wird.

Überhaupt, die Mütter: Dass ihre Rolle von Frauen im Großmutteralter gespielt wird, spiegelt einen traurigen Aspekt unserer Zeit, die die Mutterschaft weit hinauszögert oder Erziehung an die Oma delegiert. Und die Männer? Sie spielen hier nicht nur im wörtlichen Sinne keine Rolle. Alles, was dem Stück einfällt, sind ein toter Opa und ein „Arschloch-Exfreund“, dem man „eine reinhauen“ muss.

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Bis Mittwoch (24. Mai) täglich um 20 Uhr im Pumpenhaus, Gartenstraße 123. Karten: ' 233443.



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