Fr., 08.09.2017

Hito Steyerl zeigt in der Landesbausparkasse Videos und Objekte zu einer heiklen Frage Mensch – Maschine – Mängelwesen

Lichtobjekte, Skulpturen und Videos von Hito Steyerl sind in der LBS zu sehen. Zudem befinden sich in der Kassenschalterhalle Werke von Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene.

Lichtobjekte, Skulpturen und Videos von Hito Steyerl sind in der LBS zu sehen. Zudem befinden sich in der Kassenschalterhalle Werke von Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene. Foto: Gerhard H. Kock

Münster - 

Ob ein Hammer einen Nagel oder einen Schädel trifft, liegt immer in der Hand des Menschen. Die grundlegende Frage von Nutzen und Schaden menschengemachter Dinge ändert sich auch nicht durch Komplexität. Wenngleich Unübersichtlichkeit die grundlegende Frage zu verschleiern vermag.

Von Gerhard H. Kock

Ob ein Hammer einen Nagel oder einen Schädel trifft, liegt immer in der Hand des Menschen. Die grundlegende Frage von Nutzen und Schaden menschengemachter Dinge ändert sich auch nicht durch Komplexität. Wenngleich Unübersichtlichkeit die grundlegende Frage zu verschleiern vermag. Hito Steyerl hat mit Videos und Objekten in der Landesbausparkasse (LBS) ein fragendes Spannungsfeld zum Verhältnis von Mensch und Maschine aufgebaut.

Eine Stärke dieser Arbeit ist sicher, dass sich die japanisch-deutsche Künstlerin nicht an Antworten versucht, sondern ästhetisch aufbereitete Reflexionsmomente aus zwei teilweise älteren Arbeiten schafft: ­„HellYeahWeFuckDie“ und „Robots Today“.

Hell, Yeah, We, Fuck und Die sind die fünf gebräuchlichsten Wörter in den englischen Musikcharts der jüngeren Zeit. Hölle, Ekstase, Gruppe, Sex und Tod scheinen also die aktuellen Gefühlswelten zu bestimmen. Im gleichnamigen Film sind Roboter-Tests zu sehen: Menschen schubsen und treten die Maschinen, die versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Irgendwie fies. Dabei haben Rechner (noch) keine Gefühle. Aber welche Haltung haben die Treter? Dazu gibt es Animationen, in denen Bewegungsmodelle beschossen und beworfen werden. Die Figuren in Blau liegen darüber hinaus wie Dinosaurier in der Halle herum. Wer will, kann in diesen fiktiven Fossilien einen Bezug zum alten Zoo ziehen. Den hatte die LBS Anfang der 70er Jahre vertrieben.

Im hinteren Teil baut das Video „Robots Today“ eine historische Spannung mit Technikgeschichte auf. Der islamische Ingenieur Dschazarī erdachte und konstruierte vor über 800 Jahren Automaten. Der gebildete Mann stammt aus Cizre. Die kurdische Stadt wiederum wurde von der türkische Armee verwüstet; es heißt, sie sei zur Geisterstadt geworden. Zwischen Bildern der Zerstörung wird die in Mobiltelefonen installierte Software „Siri“ befragt: „Robot, what do you want?“. Und die Antwort auf die Frage, was die Maschine will, ist: „I want to save the world.“

Auf die Fragen, wer diese Stadt zerstört und die Leute vertrieben hat, weiß Siri keine Antwort.

Vor leicht kitschigem sonnigen Gegenlicht wird von Dschazarī erzählt, dessen „Roboter“ Musik spielen, die Zeit angeben und Brunnenwasser schöpfen konnten. Er verfasste 1205 das „Buch des Wissens von sinnreichen mechanischen Vorrichtungen“. Dschazarī war Techniker – und Künstler.

Der Schriftsteller Max von der Grün überlegte angesichts der Indus­trialisierung: „Wir bedienen Maschinen und Werkzeuge, aber vielleicht sind wir selbst schon Werkzeuge und Maschinen geworden.“ Die künstliche Intelligenz scheint das Verhältnis von Mensch und Maschine zu verkleinern. Aber am Ende ist es immer ein verantwortlicher Mensch, der Computer-Programme schreibt, den Knopf drückt, den Hammer hält. Der Mensch ist ein Mängelwesen, deshalb schafft er sich Werkzeuge. Oft mangelt es ihm an Mitgefühl. Das aber muss er schon selber fühlen.

Zum Thema

Die WN stellen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt



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