Di., 12.09.2017

In dieser Angst liegt eine Gefahr Schauspiel eröffnet Spielzeit mit „Je suis Fassbinder (Deutschland im Herbst 2016)“

In einem Wohncontainer spielen sich die Auseinandersetzungen ab, und die Zuschauer sind gleichsam die Nachbarn: Das Publikum kann von beiden Seiten in diese Wohngemeinschaft blicken.

In einem Wohncontainer spielen sich die Auseinandersetzungen ab, und die Zuschauer sind gleichsam die Nachbarn: Das Publikum kann von beiden Seiten in diese Wohngemeinschaft blicken. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Das Schauspiel Münster unter seinem Leiter Frank Behnke darf zum Spielzeit-Auftakt gleich drei Mal auf die Pauke hauen: „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ am Samstag, der „Werther“ am Sonntag, und zum Auftakt am Freitag gibt es ein Stück mit dem Film-Derwisch „Fassbinder“.

Von Gerhard Heinrich Kock

Einer seiner berühmtesten Filme ist sicher „Angst fressen Seele auf“. Auch „Je suis Fassbinder (Deutschland im Herbst 2016)“ dreht sich um dieses gefährliche Gefühl. Falk Richter hat das Stück voriges Jahr nach Ereignissen wie den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht und der Ausschlachtung der Taten durch die Politik geschrieben. Er fühlte sich wohl an den blutigen Herbst 1977 und wie Rainer Werner Fassbinder damit umging erinnert.

Unter dem Eindruck des RAF-Terrors der 70er Jahre beteiligte Fassbinder sich an dem Kollektivfilm „Deutschland im Herbst“, für den er die erste Episode entwickelte. Im Film sieht man ihn mit seinem Geliebten und im Streitgespräch mit seiner Mutter, die ihre Sehnsucht nach einem sanften Diktator formulierte. Fassbinder war entsetzt, wie schnell in Zeiten des Terrors demokratische Grundsätze aufgegeben werden.

Falk Richter ist ebenfalls entsetzt über die aktuell Entwicklungen hierzulande und fragt sich, wie man als Künstler auf solche Entwicklungen reagieren kann. Er positioniert sich: „Ich bin Fassbinder. Ich bin ein Opfer des IS. Ich bin ein Flüchtling in Europa. Ich bin ein Redakteur von Charlie Hebdo. Ich bin Europa. Ich weiß nicht, wer ich bin. Angst, überall Angst, und in dieser Angst liegt eine große Gefahr.“ Falk Richters Texte sind dezidiert politisch. Falks Skandalstück „Fear“, in dem er den Populismus von AfD und Pegida bloßstellt, brachte ihm ein Gerichtsverfahren ein. Unter Verwendung von Originaltexten von Rainer Werner Fassbinder entstand nun „Je suis Fassbinder“.

Regisseur Max Claessen habe versucht, „einen eigenen Zugang“ zu finden, so Behnke. Claessen lässt die Texte von einer Wohngemeinschaft spielen mit Sehnsucht nach einer anderen Form der Gemeinschaft. Die Inszenierung spielt sich in einem Wohncontainer (Bühne und Kostüme Ilka Meier) inmitten der Zuschauer ab. Sie werden gleichsam zu neugierigen Nachbarn, die durch den Raum schauen können. Andreas Klein wird mit einer Live-Kamera herumlaufen und Details für die über der Box befindlichen Leinwände aufnehmen. „Der Text wird sicher polarisieren“, meint Behnke, aber: „Wir stellen den Text mutig an den Anfang der Spielzeit“.

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Die ausverkaufte Premiere ist am Freitag (15. September) um 19.30 Uhr im Kleinen Haus, Neubrückenstraße 63. Eventuell Restkarten an der Abendkasse. Nächste Termine: 15., 22. und 29. September.



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