Sa., 23.09.2017

Skulptur-Projekte: Ayşe Erkmens Steg im Hafen Der Liebling der Massen

Wassertreter unterwegs: Frohgemut wandeln die Münsteraner auf Ayşe Erkmens Steg übers Wasser.

Wassertreter unterwegs: Frohgemut wandeln die Münsteraner auf Ayşe Erkmens Steg übers Wasser. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Der Unterwasser-Steg von Ayşe Erkmen ist nicht nur der Liebling der Massen. Die Brücke knapp unter der Wasser-Oberfläche kann auch als geradezu charakteristisch für die gesamten Skulptur-Projekte 2017 angesehen werden, weil mit ihr typische Eigenschaften vieler künstlerischer Positionen deutlich werden.

Von Gerhard H. Kock

Punkt eins: Diese Kunst schreit nicht: „Guck mich an, ich sag’ dir alles.“ Dieses Skulptur-Projekt ist unsichtbar. Erst durch die Besucher wird es erkennbar, die von Ferne übers Wasser zu wandeln scheinen wie Buddha oder Jesus. Dadurch unterscheidet sich Erkmens Projekt zudem fundamental von Christos malerischen „Floating Piers“, mit denen es gelegentlich verglichen wurde.

Dankbar für den "körperlichen Vorgang"

Punkt zwei: Das Spielerische, das Mitmachen ist einigen Skulptur-Projekten zu eigen. Bei CAMP am Theater heißt es Knöpfe zu drücken, bei Huyghes Eispalast-Landschaft mit dem Smartphone virtuelle Pyramiden zu finden, mit Schüttes Tempel Töne zu erzeugen. Erkmen lässt die Besucher die Hosen hochkrempeln und kneippen. Ein durch und durch körperlicher Vorgang, der in Zeiten virtueller Welten und digitalisierter Kommunikation dankbar angenommen wird.

Punkt drei: Bei vielen Arbeiten wird das Politische nicht mit dem Holzhammer vor die Köpfe der Besucher geschlagen. Favarettos Stein am Ludgerikreisel kann einen Denkanstoß geben, um über den Zusammenhang von Kolonialismus (Train-Denkmal) und Flucht (Ausländerbehörde im Stadthaus 2) nachzudenken. Der Nackerten-Brunnen mit den geschlechtsfreien Figuren mag Gefühle der Dankbarkeit auslösen für einen Zustand in der Gesellschaft, in der Liebende nicht um Leib und Leben fürchten müssen, wie im gleichen Land vor einigen Jahrzehnten.

Ayşe Erkmens Brücke zum anderen Ufer ist auch nicht so unpolitisch wie es scheint, verbindet sie doch den schon schicken, durch Gentrifizierung verteuerten Kreativkai mit dem noch hier und da unkommerzialisierten Kai, wo Kreative an der „B-Side“ gerade darum kämpfen, künstlerischen Freiraum für sich und andere zu erhalten.

Erlebnisraum Unterwasser-Steg

Der Unterwasser-Steg ist ein regelrechter Erlebnisraum geworden. Was gerne vergessen wird: Kunst darf auch Freude machen – in Münster fast jedem, von den Fischen, die hier einen Schutzraum fanden, bis zu den Fahrradfahrern, die es selbstverständlich nicht lassen konnten, selbst diese Tabuzone (kurzzeitig) zu erobern.

Und die neugierigen Enten wunderten sich: Selbst ein Trupp Rentnerinnen mit Rollatoren zog die Gesundheitsschuhe aus, um auch die Spezial-Gitterroste (ein Mal drei Zentimeter) zu spüren: eine gute Fußmassage für die sitzende Zivilisationsgesellschaft, die das Barfußlaufen nicht mehr gewohnt ist. Und wer hätte gedacht, dass der Wasserstand im Kanal um 20 Zentimeter variieren kann, also hier von den Fußfesseln bis fast zur Kniekehle reichen kann.

Dass jede Verbindung zugleich eine Grenze ist, erlebten die Teilnehmer des City-Triathlons. Und die Freizeitschipper freuen sich vielleicht, wenn sie demnächst wieder am schicken Kai halten können. Für die Smartphone-Fotografen hingegen gibt es wenig Hoffnung: Auf der Suche nach dem besten Abstand zu den Liebsten gingen manche einfach einen Schritt zu weit – plumps. Keine Kunst ohne Risiko.

Zum Thema

Unterwasser-Steg am populärsten bei den Skulptur-Projekten: „Dieses Kunstwerk begeistert"

Trübes Wasser am Erkmen-Steg: Die Tücken der Unterwasser-Brücke

Münster liebt Skulptur-Projekte: Schau 2017 kommt noch besser an als die früheren Ausstellungen

Das WN-Special: Alle Infos zu den Skulptur Projekten Münster

Mehr zum Thema



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5171575?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F