Sa., 23.09.2017

Exzellenzcluster „Cells in Motion“ Das Leben verstehen lernen

Das Koordinatoren-Team des Clusters Cells in Motion (v.l.): Prof. Dr. Volker Gerke , Sprecherin Prof. Dr. Lydia Sorokin und Prof. Dr. Michael Schäfers. 

Das Koordinatoren-Team des Clusters Cells in Motion (v.l.): Prof. Dr. Volker Gerke , Sprecherin Prof. Dr. Lydia Sorokin und Prof. Dr. Michael Schäfers.  Foto: Michael Kuhlmann

Münster - 

Am 28. September geht es für die Universität Münster wieder um viele Millionen Euro Forschungsmittel. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft gibt bekannt, welche Bewerbungen für die neue Runde der Exzellenzinitiative weiter im Rennen sind. Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) hat Anträge auf vier Exzellenzcluster gestellt, zwei davon basieren auf den bereits bestehenden Clustern. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Von Karin Völker

Im Exzellenzcluster „Cells in Motion“ (CiM) arbeiten Wissenschaftler aus allen naturwissenschaftlichen Disziplinen, der Medizin und der Mathematik zusammen. Ihr Ziel: „Wir möchten Zellen als Grundbausteine des Lebens besser verstehen lernen“, beschreibt es der Nuklearmediziner Prof. Dr. Michael Schäfers, einer der Koordinatoren des Clusters, das vor fünf Jahren in der dritten Runde des Wettbewerbs Erfolg hatte. Etwa 90 Arbeitsgruppen, viele davon interdisziplinär gemischt, arbeiten an dieser Aufgabe: Wie bewegen sich Zellen, wie kommunizieren sie miteinander im Organismus, wie kommt es zu Störungen ihrer Funktion?

Der Cluster arbeitet an einer Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Fächern: Um Vorgänge im Organismus sichtbar zu machen, die dem Auge normalerweise verborgen bleiben, nutzen und entwickeln die Wissenschaftler innovative Bildgebungstechnologien. So erforschen sie zum Beispiel, welche physikalischen Mechanismen hinter der Bewegung von Zellen stecken oder analysieren diese mit mathematischen Methoden. Der Kern des Forschens ist die Zusammenarbeit von Naturwissenschaftlern wie Physikern und Chemikern mit Mathematikern und Medizinern.

„Wir erforschen im Cluster grundlegende Aspekte des Zellverhaltens und wollen langfristig auch nützliche Ergebnisse für die Behandlung von Krankheiten erzielen“, betont Michael Schäfers. Das braucht Zeit. Es gibt aber Projekte, die bereits in den Bereich der klinischen Medizin weisen.

Ein Beispiel: Die Wissenschaftler versuchen die Entzündungen im Gehirn bei Multipler Sklerose zu erklären – und erforschen dies bei Mäusen. Forscher um CiM-Sprecherin Prof. Dr. Lydia Sorokin haben ein Enzym identifiziert, das bei den MS-typischen Schüben eine Rolle spielt. Durch die Zusammenarbeit im Cluster ist es gelungen, dieses Enzym sichtbar zu machen und auf entzündete Areale im Gehirn zu schließen – zunächst bei Mäusen und in ersten Untersuchungen auch beim Menschen. In ferner Zukunft könnte das neue Wissen helfen, bei MS-Patienten genauere Diagnosen zu stellen und Therapien zielgerichteter einzusetzen.

Soeben hat der Cluster zehn neue Forschungsprojekte bewilligt: Bei einem Projekt wollen Wissenschaftler beobachten, wie ein Embryo sich in der Gebärmutter einnistet. In einem zweiten, neu geförderten Projekt soll die Kommunikation zwischen Nervenzellen im Gehirn erforscht werden. Nanophysiker haben dazu einen Chip entwickelt, auf dem Nervenzellen wachsen können.

„Die neu geförderten Projekte zeigen einmal mehr die ganze Bandbreite des Clusters. Forscher aus vielen verschiedenen Fachrichtungen bringen ihre Expertisen ein, um biomedizinische Fragestellungen zu beantworten“, sagt Sorokin.

Neben dem Max-Planck-Institut, einem der Kooperationspartner im Cluster, wird derzeit der Forschungsauftrag von CiM „in Beton gegossen“, sagt Schäfers. Im „Multiscale Imaging Center“ (MIC) sollen bildgebende Verfahren von der Mikroskopie bis zur Ganzkörperbildgebung weiterentwickelt und angewendet werden. Das MIC wird etwa 63 Millionen Euro kosten – und diese Investition zeigt, dass auch unabhängig von der Förderung in der Exzellenzinitiative auf diesen Forschungsbereich gesetzt wird. Die WWU hat auch bereits Professuren aus dem Cluster-Bereich in ihren Stellenplan genommen, ergänzt also aus eigenen Mitteln den Bereich.

Das bedeute aber nicht, dass es vielleicht gar nicht so wichtig wäre, wenn der Cluster im Exzellenzwettbewerb weitergefördert würde, betont Schäfers. „Die Arbeit von CiM hat die Forschung in den beteiligten Fachbereichen enorm dynamisiert, ein neues Denken angestoßen“, sagt Schäfers. Wo früher häufig in den Grenzen der einzelnen Disziplinen gedacht wurde, sei die Perspektive auf Wissenschaft jetzt eine viel weitgehendere.

Und: Der Cluster hat für die Universität Münster das Exzellenzversprechen eingelöst. Die Exzellenzförderung lockte bei den Stellenausschreibungen auch Forscher aus hochrenommierten internationalen Einrichtungen an die WWU. Schäfers nennt den Chemiker Ryan Gilmour, der von der ETH Zürich an die WWU wechselte oder den Physiker Timo Betz vom Curie-Institut in Paris.

Hat die Exzellenz-Forschung auch für normale Studenten einen Nutzen? „Ganz sicher“, glaubt Schäfers. Die Wissenschafter des Clusters sind auch in der Lehre tätig – und sie geben ihr Verständnis von Wissenschaft und die Erfahrungen ihrer Arbeit weiter. So brächten Forscher das Thema Forschung in die Ausbildung – auch schon im Bachelor-Studium.

Ein „Kind“ des Clusters ist der neuer Master-Studiengang „Experimentelle Medizin“: Angehende Ärzte lernen hier während ihres Studiums das naturwissenschaftliche Forschen.

„Cells in Motion“: Zahlen und Fakten

► Rund 90 Forschergruppen

► Fünf Fachbereiche beziehungsweise Fakultäten und das Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin arbeiten zusammen:

Medizin, Chemie/Pharmazie, Physik, Biologie, Mathematik/Informatik.

► Acht neue Professuren wurden in fünf Jahren aufgebaut und besetzt.

► Der Cluster hat drei neue Nachwuchsforschergruppen und eine Graduiertenschule gegründet.

► Rund 80 Projekte wurden durch die Mittel des Clusters gefördert.

► Der Cluster erhielt 33 Millionen Euro für fünf Jahre. Die Förderung läuft bis zum Dezember 2018.

► Im Multiscale Imaging Center (MIC) werden ab Ende 2020 14 Professuren mit ihren Teams – insgesamt rund 260 Mitarbeitern – tätig.

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