Mi., 27.09.2017

Angeblich 900 freie Stellen an Grundschulen „Lehrermangel? Glaub’ ich nicht“

Janine Kutsch und zwei ihrer Kinder: Der Familie wegen kann die Pädagogin nicht bis in den Kreis Borken oder Recklinghausen fahren. Dort werden Lehrer gesucht, in Münster hat die 36-Jährige keine Chance auf eine Festanstellung.

Janine Kutsch und zwei ihrer Kinder: Der Familie wegen kann die Pädagogin nicht bis in den Kreis Borken oder Recklinghausen fahren. Dort werden Lehrer gesucht, in Münster hat die 36-Jährige keine Chance auf eine Festanstellung. Foto: Wilfried Gerharz

Münster-Gremmendorf - 

Akuter Lehrermangel an Grundschulen in NRW? Janine Kutsch aus Gremmendorf mag das nicht glauben. Die verheiratete Mutter dreier Kinder ist Lehrerin an der Margaretenschule und hält sich seit nunmehr sechs Jahren mit befristeten Verträgen über Wasser.

Von Elmar Ries

Während allerorten über ein viel zu Wenig an Pädagogen geklagt wird – das NRW-Schulministerium hat vor ein paar Tagen von 900 offenen Stellen allein an Grundschulen im Land gesprochen – droht der 36-Jährigen im Dezember wo­mög­lich erneut die Ar­beits­lo­sigkeit. Das kann doch nicht sein, klagt sie.

Das kann sehr wohl sein, erklärt dazu die Bezirksregierung. Weil der Lehrermangel zwar an vielen Orten gegeben, er aber eben kein Flächenphänomen sei. „In Münster und der näheren Umgebung ist die Zahl der Bewerber sehr hoch“, sagt Behördensprecherin Sigrun Rittrich.

Vergeben werden die Stellen entweder nach Listenplätzen – und damit nach Fächerkombination und Noten. Oder über eine Bewerbung an der Schule selber – auch hier spielt der Schnitt eine Rolle. In beiden Verfahren war Kutsch bisher nicht erfolgreich, obwohl sie durch die lange Wartezeit inzwischen bei einer 1,6 angekommen ist. „Nur gibt es inzwischen genügend Kandidaten mit ei­ner glatten eins“, sagt sie.

Bislang hatte Kutsch immer nur Jobs zwischen drei und sechs Monaten. Aktuell ar­beitet die 36-Jährige wöchentlich neun Stunden. Ihr Vertrag läuft bis Dezember. Und dann? Schulterzucken.

Dramatische Situation in Gelsenkirchen

Die Kinder der Familie Kutsch sind zwei, fünf und neun Jahre alt. Ihr Mann arbeitet im Vertrieb eines dänischen Möbelherstellers „und ist manchmal ein ganze Woche lang beruflich un­terwegs.“ Lasse geht in die Schule, Jonte in die Kita, auf den kleinen Fiete passt die Tagesmutter auf. Ist die Schule nicht allzu weit von Gremmendorf entfernt und die Anfahrt damit kurz, geht das alles. „Wenn ich morgens aber schon vor halb sieben das Haus verlassen müsste und erst am Nachmittag wieder daheim wäre, lässt sich das mit den Kinder nicht mehr organisieren“, sagt die 36-Jährige. Derartige Probleme haben viele Familien.

Arbeiten wollen, es aber nicht zu können, weil die Rahmenbedingungen einfach nicht passen, ist bitter – und verbittert. Da schmerzt es zu hören, dass NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) Lehramtsanwärter und Kollegen aus Gymnasien und Gesamtschulen aufruft, „die personellen Lücken in der Grundschule zu schließen“.

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Auch Nadine Kutsch bekäme sofort eine Festanstellung, wenn sie denn flexibler wäre. „In Bottrop oder in den Kreisen Recklinghausen und Borken suchen wir händeringend Grundschullehrer“, sagt Behördensprecherin Rittrich. In Gelsenkirchen ist die Situation so dramatisch, dass die Bezirksregierung Leh­rer abordnete und darüber Kollegen einen Deal vorschlug: Wer dort zwei Jahre unterrichtet, bekommt danach eine Anstellung in der Stadt seiner Wahl. Also auch in Münster. Für die Gremmendorferin kommt das nicht in Frage. Sie überlegt inzwischen umzusatteln – „vielleicht auf Erzieherin“ – oder auszusteigen und sich zunächst ganz um die Kinder zu kümmern.



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